Stand: 22.04.2017 00:01 Uhr

Was kommt in die Schulbücher?

von Janek Wiechers
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An der Auswahl mangelt es nicht: Eckhardt Fuchs, Leiter des Georg-Eckert-Instituts, erforscht, wie Schulbücher entstehen.

Wer bestimmt, was in Schulbüchern steht und was Kinder lernen? Keine ganz leicht zu beantwortende Frage, sagt Eckhardt Fuchs, der Direktor des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung mit Sitz in Braunschweig: "Die Prozesse, die stattfinden bis das Schulbuch gedruckt ist, sind doch sehr langwierig und in Deutschland sehr, sehr unterschiedlich. Zunächst muss man sagen, dass jedes Schulbuch sich an einem Curriculum orientiert, an einem Lehrplan, der von den 16 Bundesländern separat über bestimmte Kommissionen erarbeitet wird."

Ein Prüfungsverfahren für Schulbücher

Die Lehrpläne werden von Politikern, Wissenschaftlern, Didaktikern und Lehrern entwickelt. Schulbuchautoren in den Verlagen setzen anschließend die Vorgaben in konkrete Lehrbuchinhalte um. Damit ist ein Schulbuch aber noch nicht fertig:  "Es gibt ein Prüfungsverfahren für eingereichte Schulbücher in allen Bundesländern. Das wird institutionell völlig unterschiedlich gehandhabt", so Fuchs.

Das Verfahren ist aber überall ähnlich: Prüfungskommissionen begutachten das Schulbuch und genehmigen es entweder oder geben es mit Korrekturen zurück in die Verlage. Somit bestimmen auch die Zulassungsgutachter Inhalte letztendlich mit.

Politischer Einfluss von großer Bedeutung

Vier Bundesländer, darunter Hamburg und Schleswig-Holstein, haben die Zulassungsprüfung vor einigen Jahren unter anderem aus wirtschaftlichen Gründen ganz abgeschafft: "In den Bundesländern, wo es kein ministerielles Zulassungsverfahren mehr gibt, entscheidet der Markt. Also faktisch die Lehrerinnen und Lehrer. Aber auch in den Ländern, in denen es kein Zulassungsverfahren gibt, gibt es Empfehlungslisten. Die Frage, was besser ist, ist eine Frage, die seit vielen Jahren diskutiert wird."

Wer bestimmt also, was Kinder lernen? Dabei ist der politische Einfluss auf Schulbuch-Inhalte von großer Bedeutung. Dieser sei am stärksten bei der Erstellung der Lehrpläne, meint Schulbuchforscher Fuchs, insgesamt aber überschaubar: "Der politische Einfluss, den halte ich für definitiv vertretbar. Ich glaube, in Deutschland ist das Verhältnis ausgewogen."

Dass Politiker Inhalte von Schulbüchern im Sinne aktueller Parteipolitik missbrauchen könnten, hält auch Peter Schell für ausgeschlossen. Er ist Mitglied der Geschäftsführung der Westermann-Verlagsgruppe aus Braunschweig - einem der drei größten Schulbuchhersteller Deutschlands: "Sie können definitiv davon ausgehen, in Deutschland wird kein Kultusministerium und keine Partei dieses Instrument ausnutzen um manipulativ tätig zu werden. Man wird immer versuchen, den gesellschaftlichen Gesamtrahmen abzubilden."

Auch Lehrer entscheiden mit

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Detlef Eichner hat jahrelang Lehrpläne mitbestimmt - und auch über Schulbücher entschieden.

Und zwar gemäß den Vorgaben aus den Lehrplänen. Wie diese Inhalte im Einzelnen umgesetzt werden, entscheiden jedoch die Verlage und ihre Autoren. Auch die Buchhersteller haben also einen erheblichen Einfluss auf das, was Kinder lernen: "Es bleiben Flexibilitäten übrig, die man ausgestalten kann. Man will ja auch dem Werk, das aus unserem Hause kommt, eine gewisse Einzigartigkeit verleihen. Sie können ein Buch unterschiedlich bebildern. Sie können ein Buch machen, das eher schülerzentriert arbeitet oder das eher lehrerzentriert arbeitet", sagt Schell.

Welche Bücher am Ende in den Schulranzen der Schüler landen hängt aber auch davon ab, für welche Bücher sich die Lehrer entscheiden. Sie können aus einer Vielzahl an Publikationen auswählen, sagt der Gifhorner Lehrer Detlef Eichner, jahrelanges Mitglied von Lehrplankommissionen: "Wie sind die Arbeitsaufträge ausgestaltet, welches Zusatzmaterial bieten die Verlage - auf dieser Grundlage entscheiden dann Kollegien."

Lebenswirklichkeit abbilden

Immer mehr gewinne an Bedeutung, dass sich die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen in einem Schulbuch wiederfindet, betont die Schulbuchautorin Heike Baligand: "Haben wir genug Jungsnamen, oder haben wir mehr Mädchennamen? Haben wir auch behinderte Kinder abgebildet, haben wir die Ausländerproblematik?"

Bis sich aktuelle soziale Realitäten in Schulbüchern niederschlagen vergehe allerdings oftmals zu viel Zeit, kritisiert Schulbuchforscher Fuchs - fünf bis zehn Jahre seien dabei keine Seltenheit. Themen wie Flucht, Migration, Genderfragen oder Inklusion aber seien jetzt wichtig: "Durch die föderative Struktur und auch durch die Dominanz der großen Bildungsverlage dauern die Prozesse aus meiner Sicht zu lange."

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