Stand: 23.06.2017 11:05 Uhr

Ehrenamt Bürgermeister: Wie es in Ahlden klappt

von Johannes Avenarius

Nach Erkenntnissen der Hirnforschung merkt sich das Gehirn, wenn wir häufig jammern - und neigt dazu, pessimistischer zu denken, selbst wenn das neutral betrachtet gar nicht angebracht ist. Jeder weiß, wie leicht es ist, aus einem Sessel auf das Schlechte in der Welt zu blicken. Richtig schwer dagegen ist es, sich zu erheben, aktiv zu werden. In der NDR Debatte "Jammer nicht, tu was!" möchten wir Ihnen beispielhaft jemanden vorstellen, der etwas tut: Der Mann heißt Kai Schliekelmann.

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Es sieht nach Arbeit aus und ist auch welche: Kai Schiekelmann an seinem Arbeitsplatz.

Es ist ja nicht so, als hätte Kai Schliekelmann nicht genug zu tun im Leben. Er ist hauptberuflich Tontechniker. Gut zwei Stunden verbringt er täglich auf der Autobahn und fährt von der Heimat zum Arbeitsplatz nach Hannover und zurück. Dann wäre da die Familie mit zwei Kindern. Und die Partyband Upset, mit der Schliekelmann auf Festen auftritt.

Doch in ihm selbst brodelte es. In seiner Heimat Ahlden an der Aller hatte er jahrelang intensiv die lokale Politik beobachtet: "Das Problem war, dass ich das Gefühl hatte, dass wir im Rat zwar oft gute Sachen beschlossen haben, die dann aber nicht umgesetzt wurden. Ich war einfach mit der Situation unzufrieden, dass die Sachen nicht gemacht wurden, die beschlossen wurden."

Vom Beobachter zum Handelnden

Erst als Bürger, später als Ratsmitglied erlebte Schliekelmann die Ohnmacht desjenigen, der nur zuguckt. Doch es kam der Moment, an dem sich der 48-Jährige und ein paar befreundete Ahldener sagten: "Jammer' nicht, tu was!"

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Hier tagt der Gemeinderat in Ahlden (Aller).

Schliekelmann sollte Bürgermeister werden: "Die haben richtig losgelegt. Die haben mich dann irgendwann vor sich hergetrieben und gesagt: 'So jetzt machen wir das.' Da war ich dann so motiviert, dass ich gesagt habe, wenn ich so ein Team habe, mache ich das."


In Ahlden ist der quereinsteigende Bürgermeister mit seinem Engagement nicht allein. 1.500 Menschen leben in der Samtgemeinde. Es ist klar: Auf dem Dorf zwischen Celle und Verden bringt man sich ein. Ob im Gemeinderat oder anderswo: "Es macht Spaß, wenn man zu mehreren mitentscheiden kann, was für den Kindergarten angeschafft wird, und sagt, 'Wir finden das jetzt aber wichtig, dass da jetzt noch eine Blockhütte hinkommt.' Auch wenn die andere Fraktion das nicht findet."

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So sieht ehrenamtliche Gemeinderatsarbeit in Ahlden aus.

"Wenn's keiner macht, wer dann? Man kann nicht darauf warten, dass irgendeiner um die Ecke kommt und sagt: 'Nö, kein Problem, mache ich alles.' Dann nehme ich es lieber selber in die Hand und engagiere mich in so einem Verein", fährt Schliekelmann fort.

"Wer will, dass etwas passiert, muss es einfach selber in die Hand nehmen. Sonst passiert es nicht. Wenn man sich nur hinsetzt und sagt: 'Bitte, bitte macht mir ein Angebot und ich nehme es an!' - funktioniert das nicht. Auf dem Dorf erst recht nicht."

Viele Aufgaben und große Verantwortung

In diesem Umfeld fiel es Kai Schliekelmann leicht, sich zur Wahl aufstellen zu lassen - und prompt wurde er zum neuen ehrenamtlichen Bürgermeister von Ahlden gewählt. Im November 2016 war das. Das hat er nun davon: ein lauer, sonniger Abend, an dem viele Ahldener im Schlossteich baden. Aber in der Gemeindeverwaltung ist Ratssitzung, es geht um den Haushalt 2017. Um finanzielle Spielräume, Ertragsentwicklungen, Lagerhaltungsmöglichkeiten und Hebesätze. Nichts, was für den Laien direkt verständlich wäre.

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Gemeinderatssitzungen zu leiten, gehört auch zu den Aufgaben von Kai Schliekelmann.

Der aktuellen Sitzung gingen viele Abende voraus: "Der Zeitaufwand für einen ehrenamtlichen Bürgermeister ist schon astronomisch. Vor allen Dingen, wenn man eine eigene Kita und einen eigenen Bauhof hat. Man hat auf einen Schlag dann gleich zehn plus Angestellte, für die man zuständig ist." Zusätzlich einige Millionen Euro, für die man die Verantwortung trägt, das lässt sich an diesem Abend auch sagen. Die investierte Zeit knapst der 48-Jährige bei sich selbst ab. Das ist alles vorab besprochen: "Mit meiner Familie habe ich das über mehrere Wochen und Monate besprochen. Ohne die Familie geht das nicht."

Trotz der zusätzlichen Belastung sagt Schliekelmann, er würde die ehrenamtliche Aufgabe immer wieder übernehmen. Aber er räumt ein: "Man muss dazu Lust haben, man muss das wirklich wollen. Man sollte sich da nicht reintreiben lassen von irgendwem, und man muss auch was aushalten können und führen wollen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 28.06.2017 | 07:20 Uhr

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