Stand: 22.02.2017 11:09 Uhr

Überleben als Berufsmusiker in Moskau

von Sabine Stöhr

Ivan Vinogradov ist 28 Jahre alt und Dirigent. Außerdem spielt er Balalaika. Ein schmaler junger Mann mit weichen Bewegungen und warmen wässrig blauen Augen.

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Ivan Vinogradov arbeitet als Dirigent an der Moskauer Regionalen Prokofjew Musikschule. Außerdem spielt er die Balalaika.

Er hat einen Job in einem Orchester gefunden. Leicht war das nicht: "Wenn man meinen Kurs nimmt, meinen Jahrgang, so waren wir zu sechst. Das ist viel. Glaubt man der Statistik, wurde früher nur alle zwei Jahre eine Person zum Dirigenten geschult. Und jetzt bei mir sechs in einem Jahr. Dirigent ist eigentlich ein besonderer Beruf, eine ganz besondere Ausbildung - aber es gibt keinen richtigen Bedarf."

Gute Musikschulen in Russland

Viele Russen gehen als Kinder schon auf eine Musikschule und bekommen dort eine gute Ausbildung. Das erhöht aber auch die Konkurrenz. Ivan hat seine Ausbildung am renommierten Moskauer Tschaikowski Konservatorium beendet. Eigentlich sei Dirigent in Russland ein lukrativer Beruf - und sehr beliebt, sagt er: "Jetzt arbeite ich in der Moskauer Regionalen Prokofjew Musikschule. Ich leite dort die Abteilung für Orchesterdirigenten. Und ich leite zwei Orchester - ein Kammerorchester und ein Volksmusikorchester. Zudem habe ich Studenten, denen ich mein Fach beibringe."

Weniger Orchester, als Dirigenten

Seinen Job hat er aber nur aufgrund einer Empfehlung ergattert. Ohne die geht es oft nicht, weiß Ivan aus eigener Erfahrung. Jetzt ist er festangestellt auf Lebenszeit. Der Dirigent sagt, er hat Glück gehabt. Trotzdem nimmt er ständig an Wettbewerben teil und schaut, wo er sonst noch punkten oder sich mit jemandem bekannt machen kann. Damit er konkurrenzfähig bleibt. So ähnlich wie ein Sternekoch, der seinen Stern halten will, meint er.

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Viele der auch internationalen Wettbewerbe hat er gewonnen. "Es gibt leider nicht so viele Orchester wie Dirigenten, deswegen musst du entweder exklusive Sachen machen oder dich top vermarkten. In Deutschland gibt es Organisationen, die dir unter die Arme greifen und vielleicht einen Job vermitteln. Bei uns gibt es nichts dergleichen. Nur bestimmte Menschen, die dir helfen können."

Zu Zeiten der Sowjetunion ist man als Musiker nach dem Studium übernommen worden. Zwei Jahre lang - irgendwo im Staat. Darauf konnte man sich verlassen, auch wenn es nicht der Traumjob war. Jetzt schaffen es manche und verdienen gut. Andere schaffen es nicht. Haben vielleicht nicht genügend Kontakte. Ivan meint, dass sie nach Deutschland gehen, weil man ihnen da Euro statt Rubel zahlt. Sie spielen in der Fußgängerzone, um Zeit zu überbrücken. Oder um irgendwie in dieses deutsche System rein zu kommen, das Musikern hilft, eine Anstellung zu finden. Wenn es schlecht läuft, kommen sie nach Russland zurück und verdienen ihr Geld mit Unterrichten an einer Musikschule.

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