Stand: 21.02.2017 16:20 Uhr

Klavierspielen in China: Zwischen Drill und Hobby

von Axel Dorloff

Im Themenschwerpunkt der Kulturdebatte "Von Kunst leben" schaut NDR.de im Bereich der klassischen Musikausbildung von Kindern auch auf den Druck der Lehrer und die Erwartungen der Eltern. Steckt dahinter Realität oder nur ein Klischee? Ein Stimmungsbild aus einer Musikschule in China.

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Das frühe, stundenlange Üben ist harter Alltag für Kinder, die Klavier lernen.

Eine kleine Musikschule im Norden Pekings. Im Übungsraum sitzt der zehnjährige Schüler Su Junjia vor einem großen, schwarzen Flügel und spielt Klavier. Junjia wirkt etwas verloren auf seinem Klavierhocker. Er spielt ein Stück des Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart.

"Ich spiele nicht nur Klavier, um zu spielen", erklärt Junjia. Klavier spielen macht mich glücklich, wenn ich mal traurig bin. Die Stücke, die ich am meisten mag, sind die Klaviersonate Nr. 13 von Mozart und die Impromptus von Franz Schubert. Mit diesen Stücken kann ich meine Gefühle ausdrücken."

Start im zarten Alter von vier Jahren

Im Alter von vier Jahren hat Junjia angefangen, Klavier zu spielen. Er hat damals andere Kinder am Klavier beobachtet und wollte es auch lernen. Heute ist er in der fünften Klasse. Er muss jeden Tag Klavier üben. "Wenn ich von der Schule nach Hause komme, mache ich erst meine Hausaufgaben und spiele mindestens eine halbe Stunde Klavier. Dann gibt es Abendessen und danach mache ich weiter Hausaufgaben - und spiele wieder Klavier. Unter der Woche kann ich anderthalb Stunden pro Tag üben", beschreibt Junjia seinen Alltag. "Als ich noch im Kindergarten war, habe ich jeden Tag vier Stunden Klavier gespielt."

Klavierschüler mit schneller Auffassungsgabe

Su Junjia gilt als großes Talent am Klavier. Er hat diverse Kinder- und Jugend-Preise gewonnen. Auch bei internationalen Wettbewerben im Ausland. Sein Klavierlehrer und Leiter der Musikschule, Du Xiaowei, hält ihn für seinen besten Schüler: "Su Junjia lernt sehr schnell. Er kann die Musik fühlen - und deshalb lernt er schneller und kann schon viele, sehr schwierige Klavierstücke spielen. Sein Level ist deutlich höher als das von gleichaltrigen Mitschülern."

"Chinesische Eltern üben mehr Druck aus"

So wie Su Junjia verbringen viele chinesische Kinder täglich viel Zeit am Klavier. Oft auf Wunsch und auf Druck der Eltern. Immer mehr nehmen Unterricht an einer Musikschule oder beim Privatlehrer.

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"Nur der Druck der Eltern hat aus Lang Lang (im Bild) einen Weltstar gemacht", sagt Klavierlehrer Du Xiaowei.

Klavierlehrer Du Xiaowei ist überzeugt, um Erfolg zu haben, geht es nicht ohne Druck: "Nur der Druck der Eltern hat aus Lang Lang einen Weltstar gemacht. Der Druck seines Vaters war entscheidend - obwohl es Lang Lang fast in den Selbstmord getrieben hätte. Aber nur deshalb hat er es zu etwas gebracht. Chinesische Eltern üben mehr Druck aus als westliche, sie planen für ihre Kinder, erlauben ihnen weniger Freiheit. Das hat Vorteile. Ein gewisser Druck ist gut, wenn man Erfolg haben will."

Ob der zehnjährige Junge Su Junjia wirklich professioneller Klavierspieler werden will? Er weiß es noch nicht. Seine Eltern träumen davon, sein Klavierlehrer glaubt an ihn. Er sieht es - noch - gelassen: "Ich bin mir nicht sicher, ob es mein Traum ist, Klavierspieler zu werden. Klavierspielen ist mein Hobby. Wann immer ich Zeit habe, spiele ich. Ich weiß noch nicht, was ich mal werden will. Aber wenn ich jemanden bewundere, ist es Lang Lang."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 24.02.2017 | 06:55 Uhr

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