Stand: 27.06.2017 06:40 Uhr

Proteste aus wissenschaftlicher Sicht

von Claudio Campagna

In Hamburg steht der G20-Gipfel vor der Tür. Die Verantwortlichen rechnen mit Großdemonstrationen und Protesten. Aber von solchen Ereignissen einmal abgesehen, ist es doch nicht mehr wie früher. Kaum einer geht mehr für seine Überzeugung auf die Straße. Oder? "Jammer nicht, tu was!" ist das Thema der Debatte der NDR Kulturredaktion im Juni. Wie steht es heute um die Protestkultur?

Protestformen: Von kreativ bis verboten

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Protestforscher Dr. Sebastian Haunss forscht an der Universität Bremen.

Castor-Gegner lassen sich anketten, harren nächtelang im Kalten aus. Mühelos haben Friedens- und Anti-AKW-Bewegung früher Zigtausende auf die Straße gebracht. Doch sind diese Zeiten vorbei? Der Eindruck trügt, glaubt Sebastian Haunss, Protestforscher an der Universität Bremen. Genaue Zahlen gibt es nicht, "aber alles, was man eher anekdotisch mitbekommt und aus der eigenen Beobachtung, spricht nicht dafür, dass das sehr stark zurückgegangen ist."

Immer wieder mobilisieren einzelne Themen die Massen: der Golfkrieg zum Beispiel, "und dann wieder vor zwei Jahren die große Demonstration gegen das Freihandelsabkommen TTIP, was auch zwischen 150.000 und 250.000 Leute in Berlin auf die Straße brachte - also seit den 2000ern die größte Demonstration in Deutschland." Aber der Protest verändert sich: Er wird immer mehr zum Happening, mit Flashmobs, Theater und bei Demonstrationen vorneweg marschierenden Samba-Gruppen.

Größere Medienwirksamkeit

"Seit den späten 1990er-, frühen 2000er-Jahren sind zunehmend diese kreativen Formen mit großen Figuren, Clowns, Verkleidungen häufiger zu sehen.", stellt Haunss fest, "Und die sind natürlich deswegen häufiger zu sehen, weil dann die Wahrscheinlichkeit, dass darüber in den Medien berichtet wird, steigt."

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Sie waren Vorreiter der Camp-Protestbewegung: Demonstranten der "Occupy Wall Street"-Bewegung ziehen durch New York.

Die "Occupy Wall Street"-Bewegung hat das Camp als Protestform groß gemacht. Dauerhafte Platzbesetzungen schaffen Aufmerksamkeit, ermöglichen Austausch und schweißen zusammen, sagt Haunss. Und schließlich verändert das Internet auch den Protest: "Dass Eingangsseiten von häufig besuchten Seiten durch einen schwarzen Slogan ersetzt worden sind. Oder dass Banner genutzt werden, um quasi die Transparente und Flugblätter des Internets zu repräsentieren."

Vernetzter Protest

Online-Petitionen finden viele Unterstützer. Aber ist das echtes Engagement? Darüber streiten sich die Wissenschaftler. Kritiker sagen: "Click-tivism" hält vom unbequemen Protestieren ab. Sebastian Haunss ist anderer Meinung: "Zumindest von denen, die auf der Straße sind, da wissen wir das, weil wir regelmäßig Demonstrierende befragen, dass diese Leute, die dort aktiv sind, auch Online-Protestformen und auch gerade solche Petitionen nutzen."

Der Protestforscher Dr. Sebastian Haunss im Porträt. © Sebastian Haunss

NDR Debatte: Proteste aus wissenschaftlicher Sicht

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Wie hat sich die Protestkultur in den letzten Jahren verändert? Sebastian Haunss erforscht dies am Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik an der Universität Bremen.

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Grundsätzlich sind es eher Jüngere, die protestieren, und eher gebildetere Mitglieder der Mittelschicht. Doch das kann ganz verschieden sein, zeigen die Befragungen, je nach Protest. Vor dem G20-Gipfel gibt es in Hamburg ein großes Konzert mit Top-Stars wie Shakira, Coldplay oder Grönemeyer. Aktivisten erhalten Gratis-Karten. "Gesinnungs-Assessment" nannte das ironisch-bissig ein Journalist. Der Protest-Forscher sieht es lockerer: "Ich glaube, das ist auch eine Form, die relativ viel Aufmerksamkeit erregt hat. Und dann eben eine symbolische Anerkennung gegenüber denjenigen, die sich in den Protesten engagieren."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 27.06.2017 | 06:40 Uhr

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