Stand: 13.07.2015 14:00 Uhr

Mehr Förderung für Kultur auf dem Land?

von Claudio Campagna
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Kultureinrichtungen auf dem Land geraten zunehmend in Geldschwierigkeiten. Trotz Protesten aus der Bevölkerung müssen daher Häuser schließen.

"Stadt oder Land - wo möchten Sie leben?" - das ist in dieser Woche Thema der NDR Debatte. Zum guten Leben, zu einem hohen Wohlfühl-Faktor, gehören natürlich auch Kunst, Theater und Musik. In vielen ländlichen Regionen hapert es daran jedoch. Und zunehmend geraten Kultur-Einrichtungen in Geldschwierigkeiten. Deshalb soll die Bundesregierung ran und die Kultur im ländlichen Raum stärken, finden die Regierungsfraktionen von CDU und SPD. Sie haben einen gemeinsamen Antrag im Bundestag gestellt.

Immer weniger Geld für größere Aufgaben

Immer weniger Menschen leben auf dem Land. Sie werden älter und internationaler. Die Folge des demographischen Wandels: Kultur-Institutionen müssen sich umstellen, zum Beispiel für Barrierefreiheit sorgen oder mehrsprachige Angebote vorhalten. Büchereien, Theater, Musikschulen und Konzerthallen haben aber gleichzeitig immer weniger Geld, denn die Einnahmen ländlicher Gemeinden nehmen ab.

Also ist der Bund gefragt, findet der Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im Bundestag, Siegmund Ehrmann: "Es ist ja so, dass der ländliche Raum nicht entvölkert ist, sondern da nach wie vor Menschen leben, die dort ihrem Beruf nachgehen und den Mittelpunkt ihrer Lebensbeziehungen haben. Wir wollen diese Räume nicht preisgeben, sondern wir wollen, dass dort Kultur vorgehalten wird." Bereits existierende Programme nutzen, die Zusammenarbeit ausbauen, Synergie-Effekte erzeugen - das sei erforderlich, meint der SPD-Abgeordnete.

"Wir müssen mehr Geld in die Hand nehmen"

Die NDR Debatte

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Für den Generalsekretär des Deutschen Musikrates Christian Höppner reicht das aber nicht: "Neben vielen guten Ideen und neben einer noch verbesserungswürdigen Vernetzung von vorhandenen Strukturen müssen wir auch mehr Geld in die Hand nehmen, um der Deprofessionalisierung auch in der Kulturvermittlung Einhalt zu gebieten", so Höppner. "Wir brauchen schon die Fachleute dafür, Menschen, die mit Herz und Verstand dafür sorgen, dass die ganze Bandbreite an kultureller Vielfalt von Anfang an und möglichst ein Leben lang für jeden Menschen erfahrbar wird."

Trotzdem begrüßt der Musikrat den Antrag zur Stärkung der Kultur im ländlichen Raum. Vor allen Dingen sei es eine Frage der Aufmerksamkeit, meint Höppner. Im Kampf um Aufmerksamkeit habe der ländliche Raum bislang verloren, "weil wir den ländlichen Raum meistens nur über diese schmale Pipeline der Festivals wahrnehmen. Und das wird dem überhaupt nicht gerecht, was dort noch an kreativen Potentialen schlummert"´.

Kultur muss nah dran sein

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Im März 2015 wurde das einsturzgefährdete Gebäude des Schleswiger Landestheaters abgerissen.

Wie schwierig es sein kann, solche Potentiale wachzuhalten, hat der Geschäftsführer und General-Intendant des Landestheaters Schleswig-Holstein, Peter Grisebach, kürzlich erfahren, als seine Schleswiger Spielstätte wegen Einsturzgefahr gesperrt werden musste.

Den Weg zu einigen Kilometern entfernten Spielstätten nahmen nur wenige Theaterfreunde auf sich. "Ich habe in dieser Spielzeit über 20.000 Besucher verloren, weil die zusätzliche Fahrzeit nicht investiert werden konnte", berichtet Grisebach. Und das sei ein Beleg dafür, dass Menschen die Kultur dort wollen, wo ihr Lebensmittelpunkt ist.

Politiker vor Ort sind gefragt

Nun erwägen einige Kreise in Schleswig-Holstein, ihren Vertrag mit dem Landestheater zu kündigen. Daher betrachtet Grisebach den Antrag der Regierungsfraktionen im Bundestag mit Sympathie. Aber er hat auch Bedenken: "Letztendlich wird sich immer die Frage stellen: Wer bezahlt das denn. Und jetzt zu sagen, der Bund solle sich daran beteiligen, würde sofort dazu führen, dass sich meine kommunalen Träger zurücklehnen und sagen: Ja, das ist eine tolle Idee. Jetzt sollen die das mal tun."

In erster Linie stehen für Grisebach die Politiker vor Ort in der Verantwortung, "für Lebensverhältnisse in ihrer Kommune, von der sie gewählt worden sind, zu sorgen, wo die Menschen nicht das Gefühl haben, sie seien Einwohner zweiter Klasse."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 14.07.2015 | 10:20 Uhr