Stand: 28.06.2017 17:02 Uhr

Mehr tun für die Gesellschaft - Pro und Contra

von Ocke Bandixen; Katharina Mahrenholtz

Hat das gesellschaftliche, politische Engagement abgenommen? Sind wir nicht längst eine Gesellschaft von Egoisten und Stubenhockern geworden, die sich nicht mehr an Parteien oder Vereine binden wollen, oder haben sich die Menschen einfach neue Felder und Formen gesucht, um sich zu engagieren? Unsere Kommentartoren sind unterschiedlicher Meinung:


Die Situation ist besser als man denkt - ein Kommentar von Ocke Bandixen

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NDR Info Redakteur meint: "Das politische Engagement lebt".

Ich sage nicht, dass alles gut ist. Wann ist schon mal alles gut? Auch wenn das so eine lästige Floskel geworden ist, die man schnell bestätigt: alles gut. Aber in diesem Fall sage ich: Es steht zumindest nicht schlecht mit dem gesellschaftlichen Engagement in Deutschland im Jahr 2017. Wir werden es in den nächsten zehn Tagen noch erleben, rund um den G 20-Gipfel in Hamburg: Zehntausende Menschen stellen sich gegen einzelne Politiker, deren Arbeit und vertretene Positionen sie ablehnen. Viele gehen gegen den Gipfel auf die Straße, weil sie ein Aufteilen der Welt zwischen all den Mächtigen vermuten, zulasten der Armen und Unterdrückten.

Also: Geht doch. Das politische Engagement lebt. Um das festzustellen, muss man nicht einmal die Positionen der Demonstranten teilen.

Und überhaupt: Das gesellschaftliche Engagement lebt ebenso. Jeden Tag, in vielen kleinen Schritten, tun Menschen an vielen Orten etwas, was in die Gesellschaft hineinwirkt: Gehen raus und setzen sich für etwas ein. Allein die Hilfe für Flüchtlinge hält auf hohem Niveau an. Das wird immer wieder belegt, zum Beispiel in einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2016. Demnach hat sich bereits jede dritte Deutsche in diesem Bereich engagiert. Das ist nur ein Ausschnitt. Auch eine nachwachsende Generation wird engagierter, politischer. Eine steigende Wahlbeteiligung steht dafür. Dass diese sich für ihr Engagement übers Internet organisiert - und nicht über ein schwarzes Brett oder einen Ortsverein -, ist doch eine Bereicherung.

Sofasitzer gab es auch schon früher. Und Menschen, die lieber gemeckert als gemacht haben. Ich sage ja nicht, dass alles gut ist. Aber besser als vermutet.

Engagement in Fakten und Zahlen

Weniger gestalten, mehr helfen

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Früher war definitiv mehr Engagement - ein Kommentar von Katharina Mahrenholtz

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NDR Info Redakteurin Katharina Mahrenholt findet: "Früher war mehr Engagement".

Am Gleis anketten, um den Atomtransport zu stoppen! Fasten für den Frieden! Sitzblockaden, Menschenketten, Anti-Fa-AGs - und jede Menge gut besuchte Demos. Außerdem: Musik, Klamotten, Frisuren als Statement. Keine Jacke ohne die wichtigsten Buttons (Atomkraft-nein-danke, Peace-Zeichen oder Friedenstaube).

Früher war definitiv mehr Engagement. Ja, war vielleicht auch übersichtlicher. Natürlich war man gegen Cruise Missiles und sauren Regen - und für Frieden und den Fortbestand der Wale.

Heutzutage ist alles ein bisschen unübersichtlicher. Soll man Primark boykottieren, wenn andere Firmen auch von Kindern in Bangladesh nähen lassen? Soll man gegen TTIP sein oder dafür? Erneuerbare Energien, logisch - aber Windparks verschandeln die Landschaft und schreddern Vögel. Also? Darf man überhaupt noch Fisch essen oder beutet man damit die Meere aus und verseucht seinen Körper mit Nano-Plastik? Überhaupt Plastik: Wie soll man das vermeiden, wenn jedes Bonbon darin eingewickelt ist?

Weniger Auto fahren, mehr Recyceln?

Fragen über Fragen, die das Leben immer komplizierter machen und die meisten Menschen in den Konjunktiv flüchten lassen. Man müsste den Stromanbieter wechseln, weniger Auto fahren, mal was mit Flüchtlingen machen, nur noch im Hofladen kaufen, mehr recyceln, nicht bei Amazon bestellen, auf Latte-to-Go verzichten und auch mal wieder auf eine Demo gehen.

"Das Leben ist bequem geworden"

Aber - ach - das Leben ist ja so bequem geworden. Die Demo wird bei Facebook angekündigt, schnell auf "interessiert mich" klicken - das ist doch schon ein Statement! Merkt ja keiner, wenn man dann doch lieber ausschläft. Und der kritische Artikel über Kinderarbeit ist schnell geteilt, das macht einen guten Eindruck! Noch hier und da was liken - Flüchtlingshilfe, die "TAZ", Foodwatch - dann noch im Fernsehen ein schönes Benefizkonzert gucken - schon hat man das wohlige Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen - ja, was getan zu haben! So richtig engagieren, dafür fehlt die Zeit. Wäre auch irgendwie unfair, wenn man da falsche Versprechungen macht. Und dann doch immer wieder absagen muss. Weil man spontan den billigen Flug nach Barcelona bucht, sich mit Freunden und Einweggrill im Park trifft oder mit dem coolen Bus einen Tag ans Meer fährt. Kerosin? Müll? Billige Wurst? Kein Katalysator? Jetzt mal nicht spießig werden.

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