Stand: 25.08.2017 14:41 Uhr

"Kinder brauchen Freiheiten"

von Korinna Hennig
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Korinna Hennig ist Redakteurin bei NDR Info und Mutter dreier Kinder.

Ja, es nervt, wenn der Achtjährige aus der Nachbarwohnung morgens um halb acht die Wohnungstür mit Vollkaracho zuknallt, wenn auf der Zugfahrt im Großraumwagen von hinten ständig gegen den Sitz getreten wird oder der Klapptisch rauf und runter, rauf und runter geht, ohne dass irgendwer einschreitet.

Und dennoch. Seien wir froh, dass es heute nicht mehr üblich ist, Kinder wöchentlich mit dem Kleiderbügel zu verhauen, im Zimmer einzusperren oder ihnen mit dem Satz "Ein Junge weint nicht" jegliche Gefühlsäußerung zu verbieten. Das war Versagen bei der Erziehung. Kinder brauchen Freiheit, so ganz falsch ist der Grundgedanke nicht. Die übertolerante Haltung vieler Eltern ist eben der Preis, den wir für einen lebensnotwendigen Paradigmenwechsel bezahlen.

Willen brechen und kleinhalten? Nein, danke

Früher, da hieß Erziehung oft: Willen brechen, Persönlichkeiten zurechtbiegen, Schwierige und Aufmüpfige kleinhalten. Konsequenz ist alles, lautete die Devise. Heute wissen wir: Konsequenz ist vieles, und sie ist in der Tat wichtig - aber sie ist eben nicht alles. Kinder brauchen Regeln, ja. Aber sie sind schon im Kindergartenalter ziemlich komplexe Wesen, und wenn sie lernen, dass ihre Eltern auch nur Menschen sind und nicht immer alles geradeaus läuft, dann lernen sie auch besser, Brüche, Konflikte, Unstimmigkeiten auszuhalten. Mit Glück lernen sie, dass ein Streit nicht das Ende der Welt bedeutet, dass man einlenken und manches wiedergutmachen kann. Und dass auch Kinder Respekt verdient haben, wird heute wohl kaum noch jemand bestreiten. Sonst wäre die gesamte Astrid-Lindgren-Lektüre der letzten Jahrzehnte völlig umsonst gewesen.

Eine verkorkste Generation

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Was eine "Konsequenz ist alles"- und "Vor Erwachsenen muss man bedingungslos Respekt haben"-Haltung bewirkt, können wir sehr gut an der Generation der heutigen Großeltern beobachten, insbesondere der Großväter: Die meisten sind wirklich nette Männer, die oft schon einiges auf den Weg gebracht und meist sogar schon eine Idee von Gleichberechtigung haben. Aber sich zu entschuldigen, wenn sie sich mal im Ton vergreifen, haben viele von ihnen nicht gelernt, bis heute nicht. Genauso wenig: sich zu erklären, wenn sie schlechte Laune haben, statt sich einfach kommentarlos aus jeglichem Sozialleben zurückzuziehen. Zu akzeptieren, dass manchmal sogar ein Kind recht haben kann und der Erwachsene sich irrt.

Auch Erwachsene können sich irren

Die Frauen dieser Generation wiederum fressen Konflikte so lange in sich rein, bis sie Rückenschmerzen bekommen, psychosomatisch bedingt. Und was ein ganzes Volk voller Duckmäuser und Mitläufer, die auf der Unbedingtheit von Regeln beharren, anrichten kann, das sollten die Deutschen langsam wissen. Wenn Kinder Widerspruch lernen, ist das nicht das Schlechteste, was dieser Gesellschaft passieren kann. Es ist ein langer Weg bis zum optimalen Gleichgewicht der Kräfte in der Erziehung. Und im Einzelfall wird es immer wieder nicht funktionieren, beratungsresistente Eltern und nicht steuerbare Kinder wird es immer geben. Aber erstens: Bei Kindern verwächst sich viel mehr, als man denkt. Und zweitens: Die Grundrichtung, die stimmt auf jeden Fall.

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