Stand: 26.06.2017 16:03 Uhr

Weniger gestalten, mehr helfen

Die Menschen ziehen sich ins Privatleben zurück. Immer weniger engagieren sich für die Gemeinschaft. Computer und Smartphones halten gerade Heranwachsende davon ab, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen - das glauben viele. Der Eindruck täuscht. Fakten belegen das Gegenteil: Die Schwerpunkte verlagern sich und auch der Zeitaufwand für freiwilliges Engagement wird geringer, doch insgesamt engagieren sich in Deutschland seit Jahren kontinuierlich mehr Menschen für die Gesellschaft.

Freiwilliges Engagement im Ländervergleich

Mehr als ein Drittel der Menschen in Deutschland ab zehn Jahre (40 Prozent) engagiert sich freiwillig, das bedeutet, sie übernehmen konkrete Aufgaben und Arbeiten. Fast zwei Drittel der Bevölkerung ist aktiv, aktiv sein heißt vor allem "Mitmachen". Die meisten davon setzen sich im ländlichen Raum, die wenigsten in Großstädten für die Gesellschaft ein. Im Vordergrund stehen Gemeinwohl und Mitsprache. Niedersachsen liegt mit 73,2 Prozent sogar noch über dem Bundesdurchschnitt von 70,2 Prozent.

Der Zeitgeist bestimmt das Engagement

Der Anteil der Engagierten ist unter Männern und Frauen in Deutschland etwa gleich hoch, wobei Männer häufig im Bereich Sport, bei Kirchen und religiösen Gemeinschaften aktiv sind. Bei Kirchen und religiösen Gemeinschaften engagieren sich auch Frauen am meisten, auf Platz zwei und drei folgen Tätigkeiten in Schule und Kindergarten sowie im sozialen Bereich. Aktivitäten im Umwelt- und Tierschutz sind für Männer und Frauen etwa gleich wichtig.

Seit der Jahrtausendwende hat das Engagement in den Bereichen Kultur und Musik insgesamt um fast die Hälfte abgenommen. Geringer waren die Rückgänge in den Bereichen Religion und Politik.

Gestiegen ist das Engagement in Form von freiwilliger Arbeit als Elternvertreter oder im Förderverein.

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Nicht aus der Mode gekommen: der Verein Borkumer Jungens, gegründet 1830, der das Borkumer Platt erhalten möchte.

Auch bei Wohlfahrtsverbänden oder Hilfsorganisationen oder im Umwelt- und Naturschutz hat die ehrenamtliche Tätigkeit zugenommen. Als Ursachen führt der Datenreport des Statistischen Bundesamtes unter anderem den Mitgestaltungswillen von Eltern und eine "stärker den elektronischen Medien" zugewandte Kulturrezeption auf".

Mehr Möglichkeiten, wenig Zeitaufwand

Freiwilliges Engagement ist vielfältiger geworden, die Teilnehmer wenden für die Tätigkeiten aber weniger Zeit auf als noch vor knapp zwei Jahrzehnten: Noch 1999 investierte die Hälfte zwei Stunden pro Woche, 2014 waren es zwei Drittel. Der Anteil derjenigen, die sich sechs Stunden und mehr pro Woche engagieren, sank im gleichen Zeitraum leicht (5 Prozent).

Das Internet als Aktivitätsbremse?

Bei der Vervielfältigung der Möglichkeiten sich gesellschaftlich zu beteiligen, spielt auch das Internet eine Rolle. Anders als vermutet, ergab eine Studie der Technischen Universität Dortmund (2010), dass die Internetnutzung gerade bei Jugendlichen keinen negativen Einfluss auf ihre Bereitschaft zu freiwilligem Engagement hat. Gerade engagierte und aktive Jugendliche nutzen Computer und Internet zur Unterstützung des traditionellen freiwilligen Engagements. Genutzt werden vor allem Kommunikations- und Informationsangebote, am stärksten in den Bereichen Politik, Menschenrechte und Umweltschutz.

Außerdem zeigten sich neue Formen des Internet-gestützten Engagements, wie etwa die Beteiligung an Flashmobs oder die Entwicklung eigener Programme und Anwendungen. Eine Anschlussstudie, die diese Entwicklung auch im Hinblick auf die Nutzung von Smartphones weiterverfolgt, gibt es derzeit nicht.

Integriert und engagiert

Auch der Migrationshintergrund ist ein bestimmender Faktor beim gesellschaftlichen Engagement. Unterschiede gibt es dabei sowohl zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, aber auch bei den Menschen mit Migrationshintergrund selbst: "Unter Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, ist der Anteil der Engagierten mit 43,2 Prozent ähnlich hoch wie bei den Menschen ohne Migrationshintergrund (46,8 Prozent). Der Anteil der Engagierten unter Menschen mit Migrationshintergrund, die zwar in Deutschland geboren sind, aber keine deutsche Staatsangehörigkeit haben, ist mit 31,1 Prozent geringer", stellt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fest.

Als Gründe werden prägende Erfahrungen in Kindheit und Jugend vermutet. Auch die Staatsangehörigkeit sei bedeutsam.

Mehr Bildung, mehr Engagement

Ein bedeutendes Kriterium für freiwilliges Engagement ist das Bildungsniveau: "Personen mit hoher schulischer und beruflicher Ausbildung engagieren sich zu deutlich größeren Anteilen freiwillig als Personen mit niedrigem Bildungsniveau", heißt es im Freiwilligensurvey 2014. Es sind fast doppelt so viele: 52,3 Prozent gegenüber 28,3 Prozent.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 27.06.2017 | 10:20 Uhr

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