Stand: 28.06.2017 14:12 Uhr

Frauen im Musikgeschäft: Mehr als nur singen

von Jil Hesse

Wie viele Dirigentinnen fallen Ihnen auf Anhieb ein? Wie viele Intendantinnen? Wie viele Gitarristinnen und Schlagzeugerinnen? Komisch, oder? Da könnte man doch meinen, im Jahr 2017 würde man sich solche Fragen nicht mehr stellen - oder es würden einem zumindest mehr Antworten darauf einfallen.

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Die gebürtige Kenianerin Onejiru singt auf Deutsch, Englisch und Kiswahili.

"Die Welt besteht nun mal aus 50 Prozent Frauen, wie kann es da sein, dass nur 10 Prozent davon zur Kenntnis genommen werden?“, fragt Onejiru; sie ist Künstlerin und Musikerin. Frauen sind im Musikbusiness unterrepräsentiert. Auf den Bühnen, an den Instrumenten, aber auch im Studio und auf den Führungspositionen. In Hamburg ist nun eine Gruppe von Frauen aus dem Musikbusiness angetreten, die Musikwelt ein wenig zu verbessern. Sie wollen Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit schaffen - und vor allem: ein Netzwerk.

"Wenn ich auf der Bühne stehe, dann sind vom Roadie bis zum Tontechniker oder den Musikern hinter mir, meistens nur Typen dabei", stellt Onejiru fest. Sie kennt das Musikbusiness, hat viele Erfahrungen als Musikerin gesammelt. "Die Ablehnung ist nicht immer sofort als erstes zu spüren. Denn eine Ablehnung setzt ja eine Aktivität voraus, dass man überhaupt gesehen wird. Es reicht als Frau oft, dass man als Backing-Sängerin glänzen darf, aber so richtig auf Augenhöhe wird man selten ernst genommen. Das passiert mir bis heute."

Es muss etwas getan werden

Aber das möchte Onejiru nicht hinnehmen und deshalb ist sie jetzt Teil eines Netzwerkes ist: "musicHHwomen". Sie findet, es muss etwas getan werden, denn ihre Beobachtung ist: Es war schon mal besser um die Frauen im Musikgeschäft bestellt. Durch die Digitalisierung sind die Einnahmen eingebrochen, das habe natürlich die gesamte Branche getroffen, aber vor allem die Frauen. Mit jedem Abbau in der Musikindustrie "finden immer weniger Frauen statt. Ich habe immer das Gefühl gehabt, man leistet sich die Frauen wie ein Luxusgut."

Dass es zumindest nicht besser geworden ist, was den Anteil von Frauen angeht, bestätigt auch Andrea Rothaug, Geschäftsführerin von Rockcity, einem Verein, der sich für die Belange von Musikerinnen und Musikern einsetzt. Sie hat das Netzwerk initiiert: "Es gab vor 15 Jahren eine Erhebung, die acht Prozent Urheberinnen dokumentierte, wir haben heute die gleiche Prozentzahl. Teilweise drunter."

Woanders sieht es nicht besser aus

Davon sind nicht nur Musikerinnen betroffen, in anderen Zweigen der Musikindustrie sieht es nicht besser aus. "Wir haben den Blick in die Führungsetagen gesetzt. Wir haben den Blick auf den Bereich der Label und Verlage gelegt - da sieht es noch viel schlimmer aus. Und dann gibt es noch den spannenden Bereich der Produzentinnen, Schlagzeugerinnen, Technikerinnen, Clubbetreiberinnen - manifest männlich besetzte Themen. Da sind wir sogar bei weit unter sechs Prozent."

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Catharina Rüß ist Teil des Netzwerkes "musicHHwomen". Sie ist Musikerin und Kulturwissenschaftlerin.

Bisher haben sich 150 Hamburger Frauen aus der Musikindustrie in dem Netzwerk zusammengetan: "Auf jeden Fall kann man etwas dagegen tun, in dem man Aufmerksamkeit und ein Problembewusstsein schafft", erklärt Catharina Rüß, sie ist Musikerin und Kulturwissenschaftlerin. "Dieses: 'Spiel mal kein Instrument, sing mal lieber', das ist ein Bild, das Frauen immer wieder erleben. Nämlich, dass sie eher Körper sein sollen und eher attraktive Sexobjekte, anstatt Komponistinnen, Instrumentalistinnen, Beherrscherin einer Technik oder eines Instruments."

Sich nicht mehr allein fühlen

Austausch, Bewusstsein, Sichtbarkeit. Auch das sind Ziele des Netzwerkes. Eine Datenbank wird erstellt. Wer ist Expertin für welches Thema? Das schafft Sichtbarkeit. Es geht bei den Treffen aber auch um ganz praktische Themen: "Eine Labelbetreiberin entdeckt hier eine interessante Künstlerin, eine Bookerin ist auch mit im Boot, und dann hat man ganz schnell ein kleines Trio, das sich gegenseitig unterstützen kann. Alles schon passiert, schon auf dem ersten Treffen", erzählt Andrea Rothaug.

Das Netzwerk will etwas bewegen. Diese ganz unterschiedlichen Frauen aus dem Musikbusiness haben oft die gleichen Erfahrungen gemacht und wollen sich gegenseitig dabei unterstützen Widerstände zu überwinden.

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