Stand: 28.08.2017 00:00 Uhr

Erzieher - eine Hochrisikogruppe für Burn-out

von Susanne Birkner

Geldmangel und gesellschaftliche Veränderungen, Zeitdruck und zu hohe Ansprüche an sich selbst - viele Eltern fühlen sich heutzutage überfordert. "Mama, Papa - planlos: Versagen Eltern bei der Erziehung?" - unter diesem bewusst provokanten Titel steht die Debatte der NDR Kulturredaktionen. Ein Thema, zu dem auch Erzieher viel zu sagen haben.

Ein Viertel schmeißt hin

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Mit Kindern arbeiten - für viele Erzieher ist das ein Traumjob. Aber einer mit Schwierigkeiten.

Zehn Ein- bis Zweijährige wickeln und herumtragen, Protestgeschrei aushalten und schon wieder wickeln. Alleine - weil wieder mal die Kollegin krank ist. Ein ganz normaler Arbeitstag für Lisa Fringel in ihrer Kita in Hamburg-Harvestehude. Erzieher gehören zur Hochrisikogruppe für Burn-out. Ein Viertel schmeißt bereits in den ersten zehn Jahren hin, schätzt die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft.

Gerade noch hat die 27-Jährige einem Jungen versucht klarzumachen, dass Probleme nicht mit der Schaufel gelöst werden. "Vor allem in diesen Konfliktsituationen würde ich mir wünschen, dass Eltern ein bisschen mehr durchgreifen", sagt Fringel. "Dass man nicht sagt: Och, meine Kleine, so geht es aber nicht, sondern dass man es wirklich ein bisschen strenger sagt."

Erziehung wird in der Kita abgeladen

Ihre Erfahrung: Die Eltern setzen ihren Kindern zu wenig Grenzen und nehmen ihnen zu viel ab. In einer Umfrage im Auftrag der Zeitschrift "Eltern" erklärten 2015 zwei Drittel der Eltern, dass sie sich bei der Erziehung enorm unter Druck setzten. Hetze, Zeitmangel - aber auch Unsicherheit darüber, wie man sein Kind richtig erzieht, nehmen zu.

Viele Eltern laden das in der Kita ab, beobachtet Lisa Fringel: "Zu Hause ist das nicht der Fall, weil Eltern zu wenig Zeit haben für ihre Kinder und für ihre Ansprüche, die sie auch stellen. Das ist, glaub ich, am häufigsten das Problem."

Kinder brauchen Vorbilder - auch im Streiten

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Birgit Kärgel berät seit 30 Jahren Eltern in Kursen oder am Elterntelefon des Deutschen Kinderschutzbundes. Sie glaubt, Leistung werde heutzutage mit Glück gleichgesetzt. Und: Viele Eltern wollen die kurze Zeit, die sie nach der Arbeit mit ihren Kindern haben, nicht mit Streit belasten: "Sie vergessen darüber aber, dass Kinder ihre Eltern als Vorbilder in allen Variationen, die das Gefühlsleben so bietet, kennenlernen möchten. Also auch in Konfliktsituationen", sagt sie.

Nicht selten hat die Sozialpädagogin Eltern am Telefon, die von ihren Kindern geschlagen werden. Fast immer ein Zeichen dafür, dass die Eltern nicht klar sind. Mit sich - und auch mit ihrer Rolle: "Kinder sind gleichwürdig, sie sind natürlich gleichwertig. Sie sind nicht gleichberechtigt. Die Eltern geben die Orientierung vor. Die Eltern wissen, was wichtig ist. Das ist etwas, das sich verändert hat: Vor 20 Jahren war die Hierarchie deutlicher."

Im Müsli wälzen - eine Erfahrung?

Die frühere Erzieherin Tanja Leitsch erzählt in ihrem Buch "Die Rotzlöffel-Republik" von Kindern, die mit Bronchitis zur Kita gebracht werden, oder Kindern ohne Gefühl für Grenzen, die sich auf dem Boden in ihrem Müsli wälzen. Und das sei kein verwahrlostes Kind gewesen, meint sie: "Die Eltern fanden es toll, dass es diese Erfahrung macht. Und wenn ein Kind denkt, es geht nur um ihn, also diese Prinzen, Götter, die ja auch oftmals so genannt werden, dann lernen sie gar nicht, dass es da auch noch einen anderen gibt, und der andere auch Gefühle hat."

Tanja Leitsch will, dass die Verantwortlichen in der Politik aufwachen. Eine mögliche Lösung wären mehr Erzieher, aber auch flexible Arbeitszeitmodelle, damit Eltern mehr Zeit für ihre Kinder haben. Denn die Diplom-Pädagogin fürchtet gleich eine ganze Generation voller unempathischer Tyrannen, eine "Rotzlöffel-Republik" eben.

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Ihre Meinung: Versagen Eltern bei der Erziehung?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 29.08.2017 | 10:55 Uhr

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