Stand: 19.12.2016 15:33 Uhr

Schenken: Ein spannungsgeladenes Ritual

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Geld oder Liebe - was macht Schenken aus?

Heiligabend steht kurz bevor. Es bleibt also noch ein bisschen Zeit, um sich zu überlegen: Was schenke ich wem - und warum eigentlich? Diese Frage stellen wir uns und Ihnen auch in der NDR Debatte Geld oder Liebe - was macht Schenken aus? Elfie Miklautz ist Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien und forscht an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst.

NDR Kultur: Frau Miklautz, warum schenken wir uns überhaupt etwas zu Weihnachten? Woher kommt dieses Ritual?

Elfie Miklautz: Wir schenken uns Gegenstände, um unsere Beziehung zu vergegenständlichen. Indem wir schenken, zeigen wir dem anderen, dass wir zu ihm in einer Beziehung stehen, dass uns diese Beziehung wichtig ist. Dem anderen wird das dadurch auch in einer stärkeren Weise deutlich, als wenn ich ihm nur nette Worte sagen würde. Wir versuchen dadurch auch, Beziehungen auf Dauer zu stellen, über die Zeit hinweg Gültigkeit für diese Beziehung zu beanspruchen. Das ist der Hauptgrund, weshalb wir uns etwas schenken.

Die deutschen Einzelhändler haben nach dem vierten Advent bereits festgestellt, dass die Menschen in diesem Jahr eine hohe Kaufbereitschaft, wenn nicht sogar einen Kaufrausch haben. Ist dieses "immer höher, immer schneller, immer weiter" ein Zeichen für eine immer tiefere Zuneigung, die wir zueinander haben?

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Die Geschichte des Schenkens

Sich gegenseitig Geschenke zu machen - das ist insbesondere zu Weihnachten aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken. Aber was soll man schenken? Warum schenken wir überhaupt? mehr

Miklautz: Nein, das kann man zweifellos nicht sagen. Das ist möglicherweise eine hilflose Reaktion darauf, dass wir nicht wissen, wie wir diese Zuneigung äußern können, und wir retten uns durch mitunter sinnentleertes Schenken von irgendwelchen Banalitäten und Gegenständen, die für den anderen auch keinerlei Bedeutsamkeit haben. Das wäre dann eine reine Ritualisierung, ohne dass damit noch ein tieferer Sinn verbunden ist. Die Hoffnung, die wir dabei haben, ist aber natürlich, dass der andere doch beglückt sein möge und dass wir uns hier in eine Welt begeben, in der das Wünschen noch geholfen hat, wo wir etwas bekommen, ohne dafür Gegenleistungen zu erbringen. Das ist der Traum, der dahinter steckt, den wir durch vermehrtes "immer mehr" versuchen aufrechtzuerhalten. Diese Steigerung ist vielleicht etwas, das uns zeigt, dass es nicht wirklich funktioniert.

Zumal in dem gleichen Zusammenhang auch bekannt geworden ist, dass der ohnehin florierende Online-Handel in der Vorweihnachtszeit noch einmal um 25 Prozent zugelegt hat. Zuneigung per Mausklick - das kann doch nicht im Sinne des Erfinders sein. Meine Eltern sind früher noch in eine Spielzeugwarenhandlung gegangen, haben das ausgesucht, wovon sie wissen, dass es mir am meisten Freude gemacht hat, und haben es mir dann geschenkt. Heute heißt es: Klick - Warenkorb. Ist das das neue Schenken?

Miklautz: Ja, das ist jetzt nur die Frage der Abwicklung. Es kann gleichermaßen dazu führen, dass man viel bewusster aussucht, und nicht nur das gerade in einem Geschäft Vorhandene nimmt, sondern aus der ganzen Bandbreite möglicher Gegenstände etwas sucht, was genau für diese Person ideal ist. Es kann aber auch heißen, dass man es sich leichter machen will und relativ wahllos etwas nimmt. Ich würde an dieser technischen Abwicklung dessen, was da geschieht, nicht unbedingt etwas ableiten wollen im Hinblick auf die Beziehung, die damit bestätigt werden soll. Das scheint mir eher weniger relevant.

Im Grunde ist mit dem Schenken eine gewisse Erwartung verbunden: mindestens die Erwartung einer Dankbarkeit, vielleicht dass man auch ein Geschenk zurückbekommt. Ist das auch eine Art von Tauschhandel?

Buchtipp

Geschenkt. Tausch gegen Gabe - eine Kritik der Ökonomie
von Elfie Miklautz
Wilhelm Fink Verlag, 2010
Seiten: 200
ISBN: 978-3770549702
Preis: 31,90 Euro

Miklautz: Ja, es ist auf jeden Fall ein versteckter Tauschhandel. Wir täuschen uns gewissermaßen über den Tauschcharakter dessen, was wir hier tun. Wir tun das aber gerne und in gewisser Weise auch bewusst, weil wir natürlich wissen, was in Wirklichkeit läuft. Schenke ich jemandem etwas, tue ich das in der Erwartung, dass ich auch mal etwas bekomme, und nicht so, wie wir uns das immer vorstellen, ganz uneigennützig, aus reiner Großzügigkeit und ohne irgendwelche Erwartungen zu hegen. Das ist eben diese Illusion, die wir uns damit machen. In Wirklichkeit ist das ein auf Wechselseitigkeit angelegtes Spiel oder Ritual.

Wenn keine Gegengabe kommt, dann hat das auch Folgen für die Beziehung: Sie kann dadurch ein bisschen gestört sein. Es kann auch sein, dass der, der nichts zurückschenkt, in eine unterlegene Position gerät, und der, der mehr gibt und mehr geben kann, in eine überlegene Position. Das ist ein spannungsgeladenes Ritual, ein Spiel, wo es um etwas geht. Wenn wir jemandem etwas schenken, fordern wir ihn damit auch zu einer Reaktion auf. Er gerät in diese Falle der Verbindlichkeit und der Schuld und muss sich dann revanchieren.

In den vergangenen Jahren ist es zu einer großen Mode geworden, Gutscheine zu verschenken. Im Grunde wird damit delegiert: Ich gebe dir eine bestimmte Summe und du suchst dir etwas aus. Hat das eigentlich noch diesen ursprünglichen Charakter des Schenkens?

Miklautz: Das halte ich für eine eher lieblose, einfallsarme Geschichte, wenn man sich auf Gutscheine beschränkt. Oft ist das zwischen Eltern und Kindern so, da ist es noch eher nachvollziehbar: Man hat das Gefühl, dass man sich gar nicht imaginieren kann, was pubertierende Jugendliche haben möchten, man ist von denen so weit entfernt, dass man ihre Wunschwelten gar nicht mehr kennt. Man rettet sich dann durch so einen Gutschein. Es ist aber eigentlich ein Zeichen dafür, dass man entweder sehr wenig über den anderen weiß, oder es ist wie ein Geschäft, das man erledigen will: Man will und muss ihm etwas schenken, und er soll sich selber die Mühe machen zu überlegen, was er damit tun will. Es kann nett gemeint sein, es kann aber auch das Bedürfnis dahinter stecken, dass man sich den Aufwand erspart.

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