Stand: 18.04.2017 10:55 Uhr

"Die türkische Kulturszene ist in Schockstarre"

In der Türkei hat eine denkbar knappe Mehrheit für die Verfassungsänderung gestimmt. Das hauchdünne "Ja" der Wähler mit 51,3 Prozent für Erdogans Verfassungsreform markiert einen Wendepunkt im politischen System der Türkei. NDR Kultur sprach darüber mit Christian Buttkereit, dem ARD-Korrespondenten in Istanbul.  

NDR Kultur: Herr Buttkereit, wie wird Erdogans Präsidialsystem Ihrer Einschätzung nach die Gesellschaft verändern?

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Christian Buttkereit berichtet für die ARD aus Istanbul.

Christian Buttkereit: Also, es wird auf jeden Fall die Spaltung in der Gesellschaft manifestieren, die schon vorher da war und die wir auch beim Referendum deutlich gesehen haben. Man kann nicht unbedingt erwarten, dass Erdogan Politik für alle Türken macht. Das hat er zwar angekündigt, aber das meint in der Regel eigentlich: Wenn ihr euch so verhaltet, wie wir als Regierung das gerne hätten, dann ist das alles okay, aber wenn ihr euch auflehnt und die Regierung kritisiert, dann werden wir gegen euch vorgehen. Ministerpräsident Binali Yildirim hat in seiner Siegesrede gesagt, dass man hart gegen Gegner vorgehen werde. Noch härter als zuvor. Und das Mandat dafür gibt es einerseits jetzt eben durch das Verfassungsreferendum und auf der anderen Seite durch die geplante Verlängerung des Ausnahmezustands.

Wie erklären Sie sich, dass die Zustimmung zu Erdogans Referendum hierzulande mit rund 63 Prozent noch eindeutiger zu seinen Gunsten ausgefallen ist? In Österreich sogar mit über 70 Prozent...

Buttkereit: Das zeigt einerseits, dass die Türken in Deutschland und Österreich doch nicht so gut integriert sind, wie wir das vielleicht gerne hätten. Zum anderen ist es eben doch eine dem ländlichen Raum entstammende, eher konservative Bevölkerungsschicht, die damals nach Deutschland gekommen ist - erschreckend ist natürlich, wenn das dann in der dritten Generation auch immer noch so ist. Es ist natürlich auch leichter, für Erdogan zu stimmen und ihn zu hypen wie einen Popstar, wenn man unter den Bedingungen, die er in der Türkei schafft, selbst gar nicht leben muss. Das macht es natürlich etwas einfacher, hier zuzustimmen und den Türken, die es dann ausbaden müssen, gar nicht so solidarisch zur Seite zu stehen, wie man das als landsmannschaftlich-denkender Türke eigentlich tun würde.

Gibt es bereits Reaktionen von Kulturschaffenden auf den Ausgang des Referendums - und wenn ja, welche?

Buttkereit: Da herrscht im Moment eher noch ein erschrockenes Schweigen. In der Regel haben die Kulturschaffenden eher das Nein-Lager unterstützt, weil sie selbst eben häufig Zielscheibe dieser Regierung wurden, die ihre Freiheit eigentlich immer weiter eingeschränkt hat. Deshalb war hier die Hoffnung sehr groß, dass sich das Nein-Lager durchsetzt. Das hat es jetzt knapp nicht getan, möglicherweise auch aufgrund unfairer Bedingungen, aber im Moment ist die Kulturszene noch in einer Art Schockstarre. Es hat sich aber auch gezeigt, dass sich nicht jeder den Mund oder das Schreiben verbieten lassen will durch eine repressive Regierung. Mutige Schriftsteller und mutige Regisseure sind auch in den vergangenen Monaten immer wieder aufgetreten und die werden sich auch jetzt nicht zum Schweigen bringen lassen, höchstens vielleicht mehr im Untergrund arbeiten.

Zehntausende Menschen sitzen in der Türkei im Gefängnis, darunter 150 Journalisten. Behörden, Justiz, Presse - sie alle sind fest in der Hand des Ja-Lagers. Befürchten Sie persönlich als Journalist künftig erschwerte Bedingungen für ihre ohnehin nicht einfache Arbeit?

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In Deutschland von vielen Türken verehrt wie ein Popstar: Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Buttkereit: Wir haben seit dem Militärputsch ja schon erlebt, dass es beispielsweise schwer für uns ist, Interviewpartner zu gewinnen, weil viele Leute Angst haben, sich öffentlich zu äußern. Besonders skeptisch sind die Menschen gegenüber ausländischen Medien, die ja gerne als Spione hingestellt werden. Von direkten Einflussnahmen sind wir selber ja relativ verschont geblieben, aber wohl auch nur, weil uns der deutsche Pass schützt. Wenn man den nicht hat oder einen Doppelpass, dann zeigt das Beispiel Deniz Yücel ja, was passieren kann. Es dürfte für uns jetzt nicht unbedingt gemütlicher werden durch diese Verfassungsänderung und den Machtzuwachs für Erdogan. Es war ja im Wahlkampf einiges an Stimmung gemacht worden gegen ausländische Medien und ausländische Stiftungen -  und genau hier könnte der Hebel zuerst angesetzt werden.

Das Gespräch führte Philipp Cavert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 17.04.2017 | 14:20 Uhr

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