Stand: 28.08.2017 00:00 Uhr

Der Wille der Kinder wird wichtiger

von Lena-Maria Reers

Lola ist zehn Jahre alt. Sie wohnt bei ihrer Mutter in Hamburg-Farmsen, geht dort auf die Waldorfschule und sieht ihren Vater meistens nur am Wochenende. "Wenn ich ihm sage: Papa, das ist voll schön, dann fragt er mich immer: Willst Du das haben?" erzählt sie.

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Kinder wissen oft ganz genau, wie sie ihre Eltern manipulieren können.

Mit ihrer Mutter muss sie dagegen oft diskutieren. Ein typisches Phänomen, nicht nur in Trennungsfamilien. Für Lola ist das aber kein Problem: Sie weiß, dass ihre Mutter einfach ein bisschen strenger ist als der Vater. Zum Beispiel, wenn es ums Musik hören im Internet geht.

Trotzdem geht Lola manchmal - wenn ihre Mutter nicht zuhause ist - an deren Computer. Sie kennt nämlich das Passwort. Ihre Mutter wisse Bescheid, tue aber nichts dagegen.

Der Reiz des Verbotenen

Es ist der Reiz des Verbotenen, der Kinder dazu verführt, gegen die Regeln zu verstoßen. Das war schon immer so. Anders als früher scheinen Eltern heute aber nicht mehr alles dafür zu tun, das Verbotene auch zu unterbinden. Vielmehr lassen sie die Möglichkeit bestehen und hoffen auf die Einsicht ihrer Kinder. Doch klappt das?

Oskar wohnt in Hamburg-Eimsbüttel und ist gerade in die sechste Klasse auf dem Gymnasium gekommen. Auch er setzt sich manchmal über die Verbote seiner Mutter hinweg. "Wenn sie weg ist und sagt, Oskar jetzt bitte kein Fernsehen oder Minecraft spielen, dann mache ich das doch. Da kriege ich dann zwei Tage Handyverbot", erzählt er. Das ist es ihm aber wert.

Weinen auf Kommando

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Die Beispiele zeigen, dass Kinder klare Regeln brauchen. Werden sie konsequent verfolgt, können die Kinder einkalkulieren, welche Auswirkungen ein Verstoß dagegen haben wird und wann es Sinn hat, sie in Kauf zu nehmen. Auch das war früher schon so.

Heute allerdings nimmt der eigene Wille der Kinder eine viel größere Rolle in der Erziehung ein. Das ist gut, führt aber manchmal auch dazu, dass Kinder glauben, sie selbst wüssten am besten, was gut für sie ist. Eltern müssen also häufiger diskutieren als früher. Auch Oskar kennt das. Er findet es gut, wenn seine Eltern nur ab und zu mal nachgeben. Schließlich sei es sonst nichts besonderes mehr, wenn man jeden Tag ins Kino gehen dürfe.

Lola dagegen hat eine Taktik, mit der sie fast alles bekommt: Sie kann auf Kommando weinen.

Konflikte ja, aber nicht öffentlich

Kinder durchschauen ihre Eltern also ganz gut. Am meisten Respekt zollen sie ihnen, wenn sie konsequent zu dem zu stehen, was sie für richtig und wichtig halten, und es dann auch durchsetzen. Ansonsten tanzen die Kinder ihnen auf der Nase herum. Nicht gut finden es aber beide, wenn Eltern diesen Konflikt vor anderen austragen.

Anders als früher haben also nicht mehr nur die Eltern Erwartungen an das Verhalten ihrer Kinder. Auch die Kinder wollen mitbestimmen, wie der Umgang miteinander läuft. Das macht die moderne Erziehung so kompliziert.

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