Stand: 08.09.2016 14:03 Uhr

Sprachlosigkeit als Muttersprache

von Katja Weise

Geboren wurde der Schriftsteller Senthuran Varatharajah 1984 in Jaffna auf Sri Lanka. Doch schon kurz darauf floh die Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Herkunft, Flucht und Ankunft spielen auch eine zentrale Rolle in Varatharajahs in diesem Frühjahr erschienenen Debütroman "Vor der Zunahme der Zeichen". Ist er also, wie wir in der NDR Debatte thematisieren, "Fertig integriert?". Katja Weise hat Senthuran Varatharajah getroffen.

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Senthuran Varatharajah ist mit seiner Familie aus Sri Lanka nach Deutschland geflohen.

"Wenn man meinen Lebenslauf liest, dann würde man von einem sehr integrierten, jungen Menschen sprechen," sagt Senthuran Varatharajah. "Aber ich glaube, dass das ein recht naiver Begriff von Integration ist. Weil ich glaube, solange unsere - ich spreche jetzt von einer Gemeinschaft, die ja nur eine virtuelle ist - solange unsere Anwesenheit immer noch Feindschaft, aber auch diese Überraschung auslöst, weil wir hier sind, weil wir diese Sprache beherrschen, so lange sind wir nicht integriert." Das heißt, so Varatharajah, auch die Gesellschaft müsse sich den neuen Gegebenheiten anpassen. Und nicht von einem Menschen wie ihm, mit dunkler Hautfarbe, automatisch erwarten, dass er die deutsche Sprache nicht beherrsche.

Er hat sie mit Hilfe der Bibel und des Fernsehens gelernt, sie später an den  Philosophen geschliffen. Schon als kleiner Junge wollte Senthuran Varatharajah Philosophieprofessor werden, im Moment schreibt er an seiner Promotion. Literatur hat ihn lange nicht interessiert: "Das war für mich immer in einer gewissen Art ein weiblich dominierter Bereich. Meine Mutter ist Dichterin, und meine Ex-Freundinnen haben immer sehr viele Romane gelesen. Nur wenn sie darauf insistiert haben, habe ich einen gelesen. Von mir aus habe ich nur philosophische Texte gelesen. Wie ich in diese Sprache hineingefunden habe und wie es dazu kommt, dass ich so spreche wie ich spreche und schreibe, wie ich das tue, das habe ich immer noch nicht verstanden. Genauso wenig wie ich verstanden habe, wann ich mich bewusst als dunkelhäutigen Menschen verstanden habe."

Zunehmend vorhandene Vorbehalte

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Ein leiser Roman

15.07.2016 13:00 Uhr
NDR Kultur

"Von der Zunahme der Zeichen", so lautet der Titel von Senthuran Varatharajahs Debüt. Sein Roman erzählt in eher leisem Ton von Flucht und Ankommen in der neuen Heimat. mehr

Umso empfindlicher reagiert der Autor auf offenen Rassismus, der ihm immer wieder begegnet. Und die unterschwellig zunehmend vorhandenen Vorbehalte: "Es gibt da schon eine Veränderung, nicht nur, weil ich aufmerksamer geworden bin, was natürlich auch eine Frage der theoretischen Bildung ist, sondern auch, weil die gesellschaftliche Situation sich verändert hat." Aufgewachsen ist der 32-Jährige in Oberfranken. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr war die Familie dort in einem Asylbewerberheim untergebracht. Im Dorf fielen sie einfach auf, sagt Varatharajah, die Kinder griffen immer wieder nach seiner Haut.

Umso wichtiger sei es für ihn und seine Brüder gewesen, in den 90er-Jahren im Fernsehen die ersten, dunkelhäutigen Moderatoren zu sehen: "Das hat durchaus einen gewissen Effekt auf uns gehabt. Also, dass diese Form der Repräsentation, die mediale Repräsentation, einem es durchaus einfacher machen könnte, sich hier als ein Teil der Gesellschaft zu begreifen." Mit diesem Thema, dem noch etwas nebulös formuliertem Bezug zwischen Körper und Fernsehen, beschäftigt Varatharajah sich auch in seinem zweiten Roman, an dem er gerade schreibt.

Sprachlosigkeit als Muttersprache

Im ersten hingegen habe er versucht, eine Sprache zu finden, für die Brüche, die die Lebensläufe derer bestimmen, die fliehen und eine neue Heimat finden mussten. Streng genommen, sei seine Muttersprache eigentlich die Sprachlosigkeit, findet Varatharajah. Tamil, die Sprache seiner Eltern, spricht er kaum noch, mit ihnen unterhält er sich in einer Mischung aus Tamil, Englisch und Deutsch. Sie leben noch immer in Oberfranken, er selbst wohnt mit seiner Freundin, einer in der Türkei geborenen Kurdin, in Berlin. Welche Sprachen im Falle einer Familiengründung die Kinder lernen sollten, war schon verschiedentlich Thema: "Also mir persönlich ist es nicht wichtig, dass meine Kinder Tamil sprechen, aber wenn sie dieses Bedürfnis haben, dann werde ich sie darin natürlich unterstützen. Mir wär es zum Beispiel wichtiger, dass sie Griechisch und Latein lernen, aber da bin ich wahrscheinlich das Klischee eines Bildungsbürgers. Aber meine Freundin insistiert durchaus darauf, dass sie Türkisch und Kurdisch können müssten."

Insofern war Varatharajah sehr überrascht, als seine Eltern ihm im Juni von ihrer ersten Sri-Lanka-Reise nach über 32 Jahren ein Foto schickten: Es zeigte, wie sie der Bibliothekarin der vor Kurzem wieder eröffneten großen Bibliothek in Jaffna seinen Roman überreichten: "Und da ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass das ja nicht nur eine deutsche Geschichte ist, eine Geschichte aus Deutschland, sondern eben auch tamilische Geschichte."

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Dieses Thema im Programm:

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