Stand: 22.02.2016 16:46 Uhr

Debattenkultur am Abgrund

von Daniel Kaiser
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Nicht nur im Internet, auch in der realen Welt wird der Ton bei Diskussionen deutlich schärfer.

Diskussionen im Internet werden mit einer besonderen Schärfe geführt. Und es wird immer schlimmer. Jeden Tag gibt es einen neuen Shit-Storm. Bei Facebook und Twitter liest man offenen Hass und Morddrohungen - eine Debattenkultur am Abgrund.

Hass-Kommentare: Schon lange nicht mehr anonym

"Grenzen dicht und ratata - bis das Maschinchen glüht" - "Das ganze Pack ins Arbeitslager!" - "Linksgrün-versiffte Gutmenschen" - so klingt bisweilen die Diskussion über Flüchtlinge im Internet. Man muss sich nicht mal auf rechtspopulistische Seiten wie auf die des Autors Akif Pirincci verirren. Viele seriöse Nachrichten-Redaktionen schalten die Kommentarfunktionen bei bestimmten Artikeln von vornherein ab. Auch Anna-Mareike Krause von tagesschau.de hat viel mit Hass-Kommentaren zu tun. Und die sind schon lange nicht mehr alle anonym: "Da steht der Klar-Name, der Wohnort, der Arbeitgeber. Es gibt Fotos von ihren Kindern und der Ehefrau. Ob Menschen hetzen oder nicht, hat aus unserer Sicht nichts damit zu tun, ob sie anonym sind oder nicht", sagt Krause.

Der Ton wird immer schärfer

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"Online ist es noch brutaler geworden", sagt der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch.

Erst die Ukraine-Krise, dann Pegida und jetzt Silvester in Köln - der Ton wird immer schärfer. "Diejenigen, die sich vorher vielleicht verkappt rechts geäußert haben, bei denen haben sich die Schleusentore geöffnet. Die Diskussion ist deutlich schärfer geworden, als sie es vorher war", meint Krause. Der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch stellt auch bei den Diskussionen und Demonstrationen in der realen Welt einen neuen, scharfen Ton fest. Aber online ist es noch brutaler geworden. "Im Internet war der Diskurs ja noch nie besonders zivil", sagt er. "Man merkt immer wieder, dass die Leute erstaunt sind, wenn solche Äußerungen auch mal verfolgt werden, dass das, was sie online von sich geben, offline Konsequenzen haben kann."

Radikalisierung durch Bestärkung der eigenen Meinung

"Im Internet sind Menschen radikaler", sagt Gary Schaal, Professor für Politische Theorie an der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr. "Wenn Personen miteinander diskutieren, die eine ähnliche politische Meinung haben, radikalisieren sie sich. Und wir haben es im Internet mit vielen kleinen Foren zu tun, in denen Menschen zusammenkommen, die ähnliche Ansichten haben. Das bedeutet auch, dass man sich dort radikalisiert  und wechselseitig in der Richtigkeit der eigenen Meinung bestärkt. Und damit geht man dann in den öffentlicheren Diskurs."

Nicht nur Radikale gehen aufeinander los

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Nach Untersuchungen der Forscher kommt die Debatte über Flüchtlinge nicht aus dem linken oder rechten Rand, sondern aus der 'bürgerlichen Mitte'.

Neu ist dabei, dass es nicht mehr nur Radikale sind, die aufeinander losgehen. "Der Ton der Debatte ist eskaliert, weil etwas passiert ist, was die meisten bisher nicht wahrgenommen haben", erklärt Schaal. "Die neuesten Daten zeigen, dass die Debatte über Flüchtlinge keine Debatte des linken und rechten Randes ist, sondern aus dem kommt, was man in der Milieuforschung die 'bürgerlichen Mitte' nennt. Das heißt: Diejenigen, die typischerweise die Rationalität des Diskurses tragen, sind die, die am empfindlichsten und emotionalsten reagieren. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt."

Bürgerliche Mitte bricht als stabilisierender Faktor weg

Die bürgerliche Mitte als stabilisierender Faktor bricht weg. Dabei wird die eigene Meinung wichtiger als die Information, die Pointe bei Twitter stärker als jedes Argument. Die eigene Meinung zu ändern, gilt als Niederlage. "Ich glaube, das ist die große Herausforderung für jede Form von demokratischer Debattenkultur - nämlich, die Unfähigkeit, die eigene Position zu hinterfragen und zu revidieren, obwohl die für eine demokratische Debattenkultur notwendig ist", meint Schaal. Der sachliche Diskurs ist auf Dauer beschädigt. Und es ist völlig offen, wie man diesen Krieg der Worte wieder beenden kann.

"Das Phänomen wird nicht verschwinden"

Anatol Stefanowitsch ist für ein maßvolles Eingreifen des Staates und der Internetbetreiber, erhofft sich aber vor allem den Einsatz der wachen Zivilgesellschaft, einen Aufstand der Anständigen. "Wir müssen verschiedene Strategien kombinieren", sagt er. "Aber wir müssen uns auch klarmachen, dass das Phänomen nicht verschwinden wird. Das ist nicht in den Griff zu bekommen. Wir haben gesellschaftliche Konflikte, die viel tiefer gehen, als es in dieser Online-Kommunikation in all ihrer Drastik sichtbar wird." Die Politik müsse vorangehen, einen sachlichen Diskurs vorleben und gemeinsam mit den Medien wieder ein Gemeinschaftsgefühl herstellen, meint Stefanowitsch. "Das wird eine Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte und nicht für die nächsten Monate."

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