Stand: 22.04.2017 00:01 Uhr

Debatte: Wie entsteht ein Lehrplan?

von Torben Hildebrandt

In Deutschland werden Lehrpläne von den Kultusministerien der Bundesländer für die einzelnen Schulformen erlassen. Sie sind ein wichtiges Mittel zur Umsetzung bildungspolitischer Ziele und beinhalten Lehrziele, Lehrinhalte, Art und Anzahl der Lernerfolgskontrollen, also der Prüfungen. Aber wie entstehen diese Lehrpläne? Wer entscheidet, was darin steht? Ein Besuch im Kultusministerium und Lehrern in Niedersachsen.

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Referatsleiter Roland Henke ist im Kultusministerium Niedersachsen für die Lehrpläne der Haupt-, Real- und Oberstufenschüler zuständig.

Roland Henke öffnet seine Schatzkammer. Es ist ein brauner Aktenschrank im Kultusministerium, ganz oben im Fach stehen sie: die Lehrpläne - Hefte in verschiedenen Farben. "Der Braunton, das ist die Farbe fürs Gymnasium. Hier finden Sie diesen Aubergine-Ton, der steht für die Realschule", erklärt Henke.

In Henkes Büro entstehen die Unterrichtsinhalte für Hunderttausende Schüler in Niedersachsen. Die Morgensonne scheint ins Zimmer, der Referatsleiter hat Blumen aufgestellt; an der Wand hängen Familienfotos. Henke ist für Haupt-, Real- und Oberstufenschüler zuständig - was sie lernen sollen,  geht über seinen Schreibtisch. "Wenn man die Chance hat, nicht nur einem Lehrplan zu folgen, sondern den Lehrplan vielleicht selbst mit in eine bestimmte Richtung zu bewegen, dann ist das natürlich etwas, das zufrieden stellt", sagt Henke.

Beim Referatsleiter laufen die Fäden zusammen

Roland Henke denkt sich die Lehrpläne nicht alleine aus, beim Referatsleiter laufen vielmehr die Fäden zusammen. Und zwar jeden Tag, jede Woche - denn irgendein Lehrplan muss ständig neu gemacht werden. Zum Beispiel, weil Niedersachsen das umstrittene Turbo-Abitur abschafft oder weil sich die Wissenschaft weiterentwickelt. Ein Lehrplan ist im Schnitt acht bis zehn Jahre haltbar - dann kommt Henke wieder ins Spiel. Gemeinsam mit einer Kommission feilt er an den Inhalten. In dieser Gruppe sitzen Praktiker: echte Lehrer. "Unsere Kommissionsmitglieder sind erfahrene Lehrkräfte des Faches", sagt der Referatsleiter. "Und wir vergewissern uns bei den Schulen, Schulleitungen oder auch der Schulaufsicht, dass wir in den Kommissionen Lehrkräfte haben, die über die von uns geforderte Expertise verfügen."

Inhalte unterliegen langem Abstimmungsprozess

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Auch Krimis des schwedischen Autors Henning Mankell können auf der Vorschlagsliste für die Lehrpläne landen.

Das heißt: Lehrer stehen morgens vor der Klasse, nachmittags arbeiten sie am neuen Lehrplan mit. Beispiel Deutsch: Hält ein Lehrer Henning Mankells Schweden-Krimis für guten Unterrichtsstoff, könnten sie nachher in der Literatur-Empfehlung des Lehrplans auftauchen. "Das wäre durchaus möglich. Das ist ja das Ziel der Kommissionsarbeit", meint Henke dazu. "Die Frage ist, ob dieser Autor in der Liste bleibt. Die Vertreterin oder Vertreter des Ministeriums gucken natürlich auch auf die Liste. Und dann ist diese Liste ja auch Teil der Anhörung. Das heißt, Rückmeldungen bekommen wir auch, vielleicht auch mit anderen Literaturvorschlägen - also es ist nicht gesetzt."

Die Entwurfsfassung kommt ins Internet - dann können Landeselternrat und Schülervertreter, Lehrerverbände und Hochschulen ihre Anmerkungen loswerden. Horst Audritz ist Gymnasiallehrer und Chef des Philologenverbands in Niedersachsen, er hat bei einem Deutsch-Lehrplan erlebt, wie solche Anmerkungen aussehen. "Da hat zum Beispiel ein Verband Einfluss genommen, dass das Saterfriesische doch bitte berücksichtigt werden sollte. Das ist dann auch passiert", erzählt Audritz.

"Das Hauptrezept bleibt bestehen"

Zu viele Köche verderben den Brei - dieses Sprichwort, glaubt Referatsleiter Henke, trifft bei den Unterrichtsinhalten nicht zu. "Das Hauptgericht liegt vor - und wenn Sie Rouladen machen wollen, werden Sie kein Schnitzel bekommen. Das Hauptrezept bleibt bestehe", sagt er. Am Ende einer Lehrplan-Entwicklung können sogar noch die Landtagsabgeordneten prüfen, was in den Schulen auf den Tisch kommt.  Dabei sind die 40 bis 50 Seiten eines Lehrplans oft wenig konkret. Beispiel Literatur: Im Lehrplan tauchen nicht zwangsläufig Goethe oder Schiller auf. "Wir beschäftigen uns mit einer literarischen Epoche", erläutert Henke. "Die Lehrkräfte können einen Autoren auswählen, um Stilmerkmale zu verdeutlichen."

Lehrpläne legen fest, was Schüler können sollten

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Entscheidungsfreiheit: Das "Rechtschreibgespür" von Grundschülern können die Lehrer mit Diktaten, Aufsätzen oder spielerisch schulen.

Weiteres Beispiel: Deutsch in der Grundschule. Der Lehrplan gibt vor, dass Schüler ein "Rechtschreibgespür" entwickeln sollen. Ob der Lehrer das mit einem Diktat erreicht, ob er einen Aufsatz schreiben lässt oder mit bunten Quizkärtchen spielt - das bleibt ihm überlassen. Lehrpläne sind kompetenzorientiert: Sie legen fest, was Schüler an einem bestimmten Zeitpunkt können sollten - den Weg dahin bestimmt die Schule.

"Man schaut da nicht täglich rein"

Lehrer halten diesen Weg für richtig: Sie möchten, dass Lehrpläne möglichst viel Spielraum lassen. Carsten Wehmeier leitet eine Berufsschule in Osterode am Harz; dort läuft - wie an vielen anderen Schulen - gerade eine Diskussion darüber, wie der digitale Wandel in den Kerncurricula berücksichtigt werden soll - Wehmeier empfiehlt, die Gestaltungsmöglichkeit den Lehrern zu überlassen. "Offene Lehrpläne sind aus meiner Sicht der beste Weg, dieses dann auch zuzulassen. Einfach reinschreiben, mach mal digitale Ausbildung, das wird so nicht funktionieren." Das bestätigt auch Gymnasiallehrer Horst Audritz - und was Kinder lernen, hängt aus seiner Sicht auch nur bedingt vom Lehrplan ab. "Als Lehrer aus der Praxis würde ich sagen, dass ich selten zu den Kerncurricula greife - man schaut da nicht täglich rein."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 24.04.2017 | 09:20 Uhr

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