Stand: 24.02.2017 11:08 Uhr

Im Leben ein Bettler, im Geist Millionär

von Jan Ehlert

"Oft trifft man wen, der Bilder malt, viel seltner wen, der sie bezahlt": Wie so oft hat der niedersächsische Dichter Wilhelm Busch auch hier wieder einmal recht. Von der Kunst leben zu können, das ist nur wenigen Künstlern vergönnt. Busch selbst ging es übrigens auch so, zumindest mit seinen Bildern. Nur ein einziges seiner Gemälde wurde zu Lebzeiten öffentlich ausgestellt.

Doch braucht der Künstler das Geld, oder geht es ihm nicht vielmehr um die Anerkennung, oder um die Kunst selbst? In der Kulturgeschichte ist das so. Dort findet man es überall: Das Ideal des brotlosen Künstlers.

Bohème-Künstler und Bettelpoeten

Der Dichter Rodolfo und der Maler Marcello in Giacomo Puccinis Oper "La Bohème" sind zum Beispiel arm, aber glücklich. Sie gehen auf in ihrer Kunst.

Reich werden sie damit nicht, doch, so singt Rodolfo: "Per sogni, per chimere e per castelli in aria l'anima ho milionaria"- "In meinen Träumen bin ich im Geist ein Millionär".

Auch wenn Puccinis Oper tragisch endet: Die Vorstellung des Künstlers, der nur für seine Kunst lebt, ist so alt wie die Literaturgeschichte. Schon beim griechischen Dichter Aristophanes, im 4. Jahrhundert vor Christus, tritt ein Bettelpoet auf, der sich durch seine schamlosen Verse das Nötigste zum Leben schnorrt.

Zumindest der Himmel steht offen

Bei Shakespeare ziehen Schauspieltruppen durch die Werke, die nicht für Geld, sondern für Applaus und Ehre auf der Bühne stehen - und auch Friedrich Schiller wies in seinem Gedicht "Die Teilung der Welt" dem Poeten die ärmste Rolle zu - aber gleichzeitig die höchste:

"Was tun?" spricht Zeus, "die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben -
So oft du kommst, er soll dir offen sein."

Grillparzers "armer Spielmann" als Ideal?

Berühmt ist auch Carl Spitzwegs Gemälde "Der arme Poet": Das Dach ist undicht, die Wohnung ärmlich - und doch sitzt der alte Mann auf seinem Bett und schreibt.

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Der Maler Carl Spitzweg schuf dieses Porträt des armen Poeten.

Denn vielleicht kommt er ja doch noch, der Erfolg. Dass das möglich ist, manchmal auch erst postum, haben Künstler wie Vincent van Gogh und Wolfgang Amadeus Mozart gezeigt - arm zu Lebzeiten, gefeiert von der Nachwelt.

Aber es gibt auch die Künstler, denen es gar nicht um den Erfolg geht: Das vielleicht bekannteste Beispiel dafür hat Schillers Zeitgenosse, Franz Grillparzer, geschaffen: In seinem Roman "Der arme Spielmann" tritt ein Musiker auf. Ein alter Geigenspieler, der nicht bereit ist, für Geld Kompromisse zu machen - und dessen Hut daher fast immer leer bleibt.

"Indem ich nun diese Stücke spiele, tue ich mir selbst genug und lebe der angenehmen Hoffnung, daß die mir mildest gereichte Gabe nicht ohne Entgelt bleibt durch Veredlung des Geschmackes und Herzens der ohnehin von so vielen Seiten gestörten und irregeleiteten Zuhörerschaft."

Der Prinz und der Hofmaler

L’art pour l’art heißt dieses Konzept, die Kunst um der Kunst willen also. Zu ihren Anhängern gehörten Gustave Flaubert, Oscar Wilde und Stefan George - die jedoch alle von ihrer Kunst gut leben konnten. Der brotlose Künstler bleibt daher wohl ein romantisches Ideal. Der reale Künstler ähnelt eher dem Hofmaler Conti aus Gotthold Ephraim Lessings Stück "Emilia Galotti". "Was macht die Kunst" wird er vom Prinzen gefragt. Contis ehrliche Antwort: "Prinz, die Kunst geht nach Brot."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo am Morgen | 27.02.2017 | 06:55 Uhr

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