Stand: 22.02.2016 08:57 Uhr

"Soziale Medien sind Brandverstärker"

von Andrea Schwyzer

"Pöbeln statt argumentieren - macht Social Media uns radikal?" - das ist das Thema der NDR Debatte in dieser Woche, parallel zur Social Media Week in Hamburg. Haben die Hasskommentare Auswirkungen auf unsere Gesellschaft? NDR Kultur sprach darüber mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und dem Psychiater Manfred Spitzer. Die beiden diskutieren in der Sendung "NDR Kultur Kontrovers".

Pörksen: Es gibt die Möglichkeit der Selbstradikalisierung

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Bernhard Pörksen ist Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen. Von ihm stammt unter anderem das Buch "Der entfesselte Skandal".

In der Grundfrage sind sich die beiden Wissenschaftler einig: Soziale Medien können als Brandverstärker für Pöbeleien und Hetze wirken. "Ich glaube tatsächlich, dass es diese Möglichkeit der Selbstradikalisierung und der Selbstenthemmung gibt, weil sich Gemeinschaften bilden", sagt Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Uni Tübingen. Dies seien " Wut-Gemeinschaften", die sich einander zu bestätigen wüssten: "Pegida hat das vorgemacht. Man hat zuerst in einer Facebook-Gruppe begonnen. Und ich glaube schon, dass diese wechselseitige Bestätigung - 'Wir sind doch im Recht und wir sind viele!' - dass diese Mechanismen auf Enthemmung hinauslaufen können, absolut."

Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor an der Psychiatrischen Uniklinik in Ulm ergänzt: "Es liegt auch daran, dass der andere nicht so präsent ist in Sozialen Medien, wie er präsent ist, wenn er uns gegenüber ist. Das führt dazu, dass gerade bei jungen Menschen, die Sozialverhalten erst einüben müssen, Defizite entstehen, die zu Entäußerungen führen, die sie hinterher bereuen."

Vorteile des Internets sollte man nicht wegdiskutieren

Wie mit dieser Tatsache umgegangen werden soll, darin unterscheiden sich die Ansichten der beiden Gesprächspartner. Medienwissenschaftler Pörksen warnt etwa davor, die Ursache für das Phänomen an sich bei den Sozialen Medien zu suchen: "Diese physische Unsichtbarkeit der womöglich sich Streitenden oder Hassenden, die Vorstellung, die ich mir mache vom anderen, die vielleicht gar nicht stimmt, die Abwesenheit von Autoritäten in manchen Räumen - all dies begünstigt bestimmt Radikalisierung. Aber wir sollten nicht das Netz oder die sozialen Netzwerke für ein soziales Problem verantwortlich machen."

Denn, so Pörksen, das Internet biete auch barrierefreie Interaktion, kostengünstige Kommunikation, blitzschnelle Information. Vorteile, die nicht wegzudiskutieren seien. Pörksen spricht von der Ambivalenz des Internets. Genau deshalb wünscht sich der Medienwissenschaftler aber auch eine möglichst hohe Selbstbestimmung, wie mit Sozialen Medien umgegangen werden soll - und Regulierungsmaßnamen nur, wo unbedingt nötig.

Spitzer: Social Media machen nicht sozialer

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Gehirnforscher Manfred Spitzer verfasste unter anderem die Bücher "Digitale Demenz" und "Gewalt im Gehirn".

Der Mediziner Spitzer verweist dagegen auf Studien, die belegen, dass ein Zusammenhang zwischen Bildschirmmedienkonsum und Empathieunfähigkeit besteht. "Sie können Empathie und Mitgefühl von einem Bildschirm nicht lernen", sagt er. "Social Media machen uns nicht sozialer, das ist ein Trugschluss."

Soziale Medien bergen für Kinder und Jugendliche also ein Risiko. Kontrolle sei notwendig, betont Spitzer und fordert: "Wir können doch nicht die Gehirne der Jugendlichen dem Profitstreben einiger amerikanischer Firmen überlassen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 22.02.2016 | 07:20 Uhr