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Richard Wagner: Die Walküre
Mit Anja Kampe, Jonas Kaufmann, René Pape, Nina Stemme und anderen
Marinsky Orchester
Leitung: Valery Gergiev
Vorgestellt von Sabine Lange
Valery Gergiev stellt in seiner Interpretation der "Walküre" die Psyche der Figuren in den Vordergrund.
Der ungarische Dirigent Georg Solti ging in die Schallplattengeschichte ein, als er zum ersten Mal Richard Wagners gigantischen "Ring des Nibelungen" aufnahm. Das ist einige Jahrzehnte her. Seitdem sind ihm eine ganze Reihe prominenter Dirigenten gefolgt, unter anderem Herbert von Karajan, Wolfgang Sawallisch und Daniel Barenboim.
Zum Wagner-Jahr 2013 bringt nun der Russe Valery Gergiev den ersten Teil seines "Rings" auf den Markt - er startet nicht mit dem "Rheingold", sondern mit der prominent besetzten "Walküre".
Wotan ist ein einsamer Gott. All seine ambitionierten Weltmachtpläne scheitern, und es ist seine eigene Ehefrau Fricka, die ihn endgültig in die Knie zwingt. Sie verlangt von Wotan, dass er seinen Hoffnungsträger, seinen Sohn Siegmund, opfert. Das soll der Preis sein für Wotans notorische eheliche Untreue.
Faszinierend nah kann man diesem Gott in der neuen Aufnahme unter Gergiev kommen. Man hängt gebannt an den Lippen René Papes, der derzeit der vermutlich beste Wotan der Welt ist. Seine Not, seine Qualen empfindet man beim Hören, wie man es selten in einer Aufführung kann. So nah rücken die Mikrofone diesen Gott, dass schon sein Flüstern höchste Empathie auslösen kann.
Es sind gerade die langen Monologe und Dialoge, die in dieser neuen Interpretation Gergievs fesseln. Im Theater wirken oft die großbesetzten Orchesterpassagen im ersten und dritten Akt der Walküre überwältigend - doch Gergiev interessiert sich vielmehr für die intime Psychologie der Figuren: für ihr Leid, ihre Ausweglosigkeit. So muss Wotan nicht nur seinen Sohn töten, sondern auch seine Lieblingstochter, die Walküre Brünnhilde, verstoßen. Ist es ein Wunder, dass er nur noch eines ersehnt, das Ende?
Dirigent Gergiev hat sich für den Auftakt zu seinem "Ring" eine erstklassige Sängerriege engagiert. Neben Pape glänzt die Russin Ekaterina Gubanova als Fricka.
Die Titelheldin der "Walküre" ist in der neuen St. Petersburger Aufnahme Nina Stemme. Auch sie darf in dieser Interpretation alle Register ziehen - von intimstem Piano bis hin zum emotionalen Ausbruch durchleidet sie ihre traumatische Beziehung zu ihrem Vater Wotan.
Wagners "Walküre" wird oft als Überwältigungsmusik interpretiert. Doch auf diese Karte setzt Dirigent Gergiev - außer im grandiosen Finale - bewusst nicht. Im ersten Akt, wo sich Siegmund (Jonas Kaufmann) und Sieglinde (Anja Kampe) als Liebespaar finden, zeigt Gergiev nicht den kämpferischen Helden. Er setzt auf leise, ganz leise Töne.
Er lässt uns verlassene, tief einsame Kinder erleben, deren traumatisierte Seelen von empathischen Streicherklängen gespiegelt werden. In dieser Nacht, in der Winterstürme dem Wonnemond des Frühlings weichen, da zählt eines: Poesie.

Valery Gergiev