Lachen mit Wagner? Gar nicht so einfach!
Kein anderer Komponist polarisiert so wie Richard Wagner, der vor 200 Jahren geboren wurde. mehr
Das Leben Richard Wagners verlief wie eine seiner Opern: rauschhaft, pompös, dramatisch, genial, größenwahnsinnig, revolutionär. Wagners Musik elektrisierte - und spaltet bis heute Kritiker und Publikum. Am 22. Mai jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal. NDR Info betrachtet in loser Folge verschiedene Aspekte seines Lebens und Wirkens: seine Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten, das Gesamtkunstwerk, seinen Einfluss auf die Filmmusik, seine menschlichen Beziehungen, sein Verhältnis zu den Frauen, sein Dasein als Mythos zu Lebzeiten, seine Fans - und dazu natürlich seine Opern.
Rausch, Mythos, Charisma - dafür steht Richard Wagner: von seinen Anhängern vergöttert, von seinen Gegnern geschmäht als deutschnational-dröhnender Mythomane; als Antisemit und Lieblingskomponist Adolf Hitlers. Wagner betört, provoziert, polarisiert. Seine Akkorde klingen wie Zauberformeln, seine Melodien verströmen hypnotische Macht.
Charles Beaudelaire, Pariser Skandal-Dichter und Urheber der "fleures du mal", schwärmt von der "glühend-despotischen Musik, (…) wie Opium." In den "Buddenbrooks" von Thomas Mann heißt es dagegen über die Wagner-Musik: "Das ist Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz. Dies ist ein parfümierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller Moral in der Kunst!"
Nach dem frühen Tod des Vaters verbringt Richard eine Kindheit und Jugend im Bohème-Milieu: Sein Stiefvater ist ein erfolgreicher Theaterautor - vier der älteren Geschwister gehen zur Bühne. Die raschelnden Stoffe, die duftenden Parfüms in den Boudoirs der Schwestern verzaubern den kleinen Richard.
Eine erste Prägung auf dem Weg, Musik zu machen, die so intensiv ist, dass man sie nicht nur hören, sondern auch schmecken, fühlen und riechen kann. Er beschreibt es so: "Ehe ich daran gehe, einen Vers zu machen, ja eine Scene zu entwerfen, bin ich bereits in dem musikalischen Dufte meiner Schöpfung berauscht."
Im Festspielhaus in Bayreuth wird 1874 zum ersten Mal der Ring-Zyklus aufgeführt.
Mit 16 beschließt Wagner, Komponist zu werden, studiert und arbeitet als Kapellmeister in Magdeburg, Königsberg und Riga. Stets lebt der exzentrische, labile und zugleich besessene junge Mann über seine Verhältnisse, wie er berichtet: "Ich kann mich nicht auf Stroh betten und von Fusel ernähren (…), meine stark gereizte, feine, ungeheuer begehrliche, aber ungemein zarte und zärtlichste Sinnlichkeit muss sich irgendwie geschmeichelt fühlen."
Richard Wagners Weg zu Ruhm und Erfolg ist hart und steinig, immer wieder muss er vor Gläubigern fliehen und sich mit Auftragsarbeiten über Wasser halten - dann endlich erlebt er den ersten Erfolg: Seine Oper "Rienzi" wird 1842 in Dresden uraufgeführt. 1849 beteiligt er sich am Mai-Aufstand und flieht vor der Polizei in die Schweiz. Erst elf Jahre später kann er wieder zurück.
Doch Wagners Ruhm wächst: Er hat reiche Gönner - sein größter Mäzen wird später der junge Bayern-König Ludwig II. Richard Wagner ist ein PR-Genie. Er schreibt Tausende Briefe an seine Freunde und veröffentlicht theoretische Schriften über Musik und Kunst - und ein antisemitisches Pamphlet über "Das Judenthum in der Musik". Es wirft bis heute einen Schatten auf den Komponisten.
Die Themen schöpft Wagner aus Mittelalter und Mythos: Als Hauptwerk entsteht der vierteilige Zyklus "Der Ring des Nibelungen". Er schätzt seine Kunst geradezu magisch ein: "Mein Musik-Machen ist eigentlich ein Zaubern, denn mechanisch und ruhig kann ich gar nicht musizieren."
Richard Wagner, der Künstlerfürst, lebt und arbeitet wie im Fieber: Er sieht sich als Schöpfer einer neuen Kunstreligion. Das letzte Domizil für ihn und seine zweite Frau Cosima wird Bayreuth. Auf dem grünen Hügel entsteht das Festspielhaus, wo 1874 zum ersten Mal der Ring-Zyklus aufgeführt wird. Die Kunstreligion hat ihren Tempel. Über allem thront das hohe Paar: Richard und Cosima.
Am 13. Februar 1883, vor 130 Jahren, stirbt der Meister 69-jährig in Venedig an Herzversagen. Nach seinem Tod organisiert die 24 Jahre jüngere Witwe den Wagner-Kult und steuert die Legendenbildung.