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Vorgestellt von Franziska v. Busse
"Voyages" hinterlässt einen Eindruck von sich laufend verschiebenden Bildern.
Als Vierzehnjähriger hat er an einem Abend zwei Mendelssohn-Konzerte gespielt – und zwar eins für Violine und eins für Klavier. Der Amerikaner Conrad Tao, Kind chinesischer Einwanderer, hat eine Wunderkind-Karriere hinter sich, wie sie im Buche steht. Mit neun Jahren begann er sein Studium an der New Yorker Juilliard School, mit 13 hat er sein erstes eigenes Klavierkonzert uraufgeführt. Lange war die Geige sein zweites Instrument; seit einiger Zeit konzentriert er sich aber ganz aufs Klavierspielen und aufs Komponieren. Pünktlich zu seinem 19. Geburtstag am 11. Juni ist jetzt Conrad Taos zweite Solo-CD erschienen: mit Werken von Sergej Rachmaninow, Maurice Ravel und Meredith Monk, aber auch mit eigenen Kompositionen.
Ein jungenhafter 18-Jähriger mit einer breiten Brust! Für seine neue CD mit dem Titel "Voyages" hat Conrad Tao eine Reihe von Stücken ausgesucht, die als richtig schwierig gelten. Aber das ist nicht alles. Im Booklet äußert er sich zum Programm: fünf Préludes von Sergej Rachmaninow aus op. 23 und op. 32, dazu „Gaspard de la nuit“ von Maurice Ravel. Und meint, er habe die Stücke so zusammengestellt, dass sie seine eigenen Kompositionen schlüssig ergänzen. Das ist Selbstbewusstsein.
Aber auch, wenn man Conrad Tao an dieser Stelle eine bescheidenere Formulierung empfohlen hätte: sein Konzept funktioniert. Der Eindruck, den er erzeugen will, stellt sich ein: von Bildern, die sich laufend verschieben und verändern.
Als Komponist ist Conrad Tao von vielen unterschiedlichen Künstlern beeinflusst, aus Klassik und Pop.
Schon der Anfang ist klug ausgewählt: ein kurzes, minimalistisch angehauchtes Stück von Meredith Monk. Danach entrollt sich ein großes Crescendo, über die einzelnen Werke hinweg. Querverweise werden hörbar, Motive und Stimmungen tauchen auf, entwickeln und verdichten sich.
Als Pianist wird Conrad Tao seinem frühen Ruhm gerecht. Technische Schwierigkeiten scheinen nicht zu existieren. Sein Anschlag bleibt immer kultiviert und wirkt teilweise geradezu schwerelos – unterstützt auch von der Aufnahmetechnik, die sein Spiel klingen lässt wie durch ein frisch geputztes Brillenglas.
Andererseits: wo Schwerelosigkeit herrscht, da fehlt es manchmal ein bisschen an Gewicht. Und, was noch mehr auffällt, auch ein bisschen an intellektueller Raffinesse - vor allem bei Ravel, den er klanglich sehr schön und transparent gestaltet, aber auch sehr geradlinig.
Als Komponist bezeichnet sich Conrad Tao als "von vielen Einflüssen geprägt". Natürlich von klassischen Vorbildern wie eben Ravel, Rachmaninow oder Messiaen. Aber auch von einer Reihe intellektueller Klangkünstler aus dem Pop, wie Brian Eno, Meredith Monk oder Björk. Seine "Vestiges" – also "Spuren" – sind von Träumen inspiriert. Teils ganz bildhaft wie "Upon walking along green glass bottles", teils schwerer fassbar, wie das nachdenklich-polyphone "Upon being".
Mit "Iridescence" – einem Stück Klaviermusik wie aus einer Tropfsteinhöhle – endet die CD. Ein iPad fungiert hier als Sampler, Hallgerät und Klangverfremder.
Was an "Voyages" am meisten Freude macht: zu spüren, dass Conrad Tao nicht nur ein toller junger Pianist ist, sondern auch ein kreativer Geist, der für ein Projekt gerne seine verschiedenen Fähigkeiten ausnutzt. Mal hören, wohin die Reise noch geht.
Eine Station dieser Reise kennen wir: Anfang August gibt Conrad Tao mehrere Konzerte bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern.

Conrad Tao