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Vorgestellt von Ulrike Henningsen
Mit seiner Debüt-CD "Portraits" zeigt Andreas Ottensamer, wieviel Potential in dem jungen Klarinettisten steckt.
Andreas Ottensamer sieht sehr gut aus - so gut, dass er bei einer renommierten Model-Agentur unter Vertrag ist. Auch seine sportliche Begabung ist überdurchschnittlich ausgeprägt, denn Tennis spielt er turnierreif, und er gründete mit den "Wiener Virtuosen" einen erfolgreichen Fußballklub. Genug Potenzial also für mehrere vielversprechende Karrieren. Aber das macht er alles nur nebenbei. Eigentlich ist der 24-jährige Österreicher Klarinettist. Und - man ahnt es schon - nicht irgendein Klarinettist, sondern Soloklarinettist bei den Berliner Philharmonikern.
Im Februar nahm die Deutsche Grammophon den jungen Mann exklusiv unter Vertrag. "Portraits" heißt seine Debüt-CD, auf der er unter anderem Konzerte von Louis Spohr, Domenico Cimarosa und Aaron Copland spielt.
"Ich glaube, dass alle weinen werden", soll Aaron Copland über den Beginn seines Konzerts für Klarinette, Harfe, Klavier und Streicher gesagt haben. Es ist nicht überliefert, ob bei der Uraufführung mit Benny Goodman wirklich Tränen geflossen sind - der Amerikaner hatte das Konzert in Auftrag gegeben. In der Aufnahme mit Ottensamer geht diese Musik auf jeden Fall tief unter die Haut. So fein und innig ist diese Interpretation, dass sie den Hörer sofort gefangen nimmt - genau wie auf seine Weise das Konzert von Louis Spohr.
Egal, ob bei Copland oder bei Spohr, Ottensamer spielt direkt und ehrlich, und immer wieder findet er neue Klangfarben. Stilistisch spannt er einen weiten Bogen auf seiner Debüt-CD. Neben den Originalkompositionen spielt er auch ein Werk von Domenico Cimarosa. Was hier im lebendigen Zusammenspiel mit dem Orchester so überzeugend nach Solokonzert klingt, war mal ursprünglich eine Klaviersonate. Der Komponist Arthur Benjamin schuf 1942 aus vier verschiedenen Klavierwerken von Cimarosa ein Konzert für Oboe oder eben Klarinette und Streicher.
Es gibt also auch jenseits von Mozart genügend Literatur, und sie lässt sich wunderbar immer wieder neu für die Klarinette arrangieren. Die Berceuse von Amy Beach, zum Beispiel, lernte Ottensamer zunächst in einer Version für Cello und Klavier kennen. Zu beiden Instrumenten hat der Österreicher mit den vielen Talenten einen engen Bezug: Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er bereits mit vier, bevor er dann als Zehnjähriger seine Ausbildung an der Wiener Musikuniversität begann - und zwar mit dem Cello. Zur Klarinette wechselte er erst 2003. Diese jahrelange ernsthafte Beschäftigung mit der Musik spürt man, genauso wie seine Lust am Spiel.
Sein gutes Aussehen wird Ottensamer wahrscheinlich bei der Karriere nützen, aber nach diesem gelungenen Debüt ist nicht zu befürchten, dass er sich darauf reduzieren lässt.

Andreas Ottensamer