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Charles Marie Widor: Klavierkonzert Nr. 1 f-Moll op. 19, Fantasie As-Dur op. 62, Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 77
Markus Becker; BBC National Orchestra of Wales
Leitung: Thierry Fischer
Widor - der Name lässt bei Orgel-Freunden die Herzen höher schlagen. Er war einer der führenden Organisten in Paris, hat mit Albert Schweitzer die Bach-Renaissance in Frankreich vorangetrieben und der Gattung "Orgelsinfonie" ein eigenes, neues Format verliehen. Doch Charles-Marie Widor hat nicht nur für sein Instrument geschrieben. Jetzt ist eine Aufnahme seiner Klavierkonzerte erschienen.
Die Jahre 1875 und 1876 sind in der Geschichte des Klavierkonzerts fest verankert: Die Werke von Dvorák und Tschaikowsky entstehen, ebenso das vierte Konzert von Saint-Saëns. Sie alle sind mehr oder weniger stark im heutigen Konzertalltag präsent. Aber das erste Klavierkonzert von Charles-Marie Widor?
Ein halbe Stunde dauert dieses dreisätzige Werk, das seine französisch-romantische Herkunft nicht verleugnen kann, auch wenn die locker-schwebenden Figuren und die dezente Orchesterbegleitung ein wenig an das Klavierkonzert von Robert Schumann erinnern.
Der langsame Satz, "Andante religioso", ist eine Mischung aus Gebet und Nocturne, eine innige, zarte Musik, ein vorsichtiger Dialog des Klaviers mit dem Orchester. Von Versenkung ist im Finale keine Spur. Fast scherzohaft-heiter, stellenweise ausgelassen keck entwickelt sich dieser Satz.
Zwei Klavierkonzerte und eine 20-minütige Fantasie für Klavier und Orchester hat Widor hinterlassen. Nun haben Markus Becker und das BBC National Orchestra of Wales unter Thierry Fischer diese drei Werke aufgenommen. Gerade im zweiten Konzert kommen die düstere Reibungen dieses Moll-Stückes treffend zur Geltung.
Becker, der sich mit einer Gesamteinspielung der Klavierwerke von Max Reger internationale Anerkennung erspielte, findet bei Widor zu einer idealen Balance aus Kraft und Poesie, aus zyklopischer Wucht und zärtlicher Zurücknahme. Die Triller am Übergang vom zweiten zum dritten Satz funkeln, als wäre das Stück von Liszt.
Fischer und Becker treffen in einem offenbar genau geprobten Pas-de-Deux die eleganten Seiten dieser Widor-Konzerte; sie erobern die dunklen Zonen und sind sich nicht zu schade, es beizeiten klingeln und rasseln zu lassen. Hoffentlich kann diese Aufnahme ja dazu beitragen, die unbekannten Konzerte stärker im Konzertalltag zu verankern.

Markus Becker