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Bei ihr ist immer viel Überlegung im Spiel, Ragna Schirmer lässt sich im teils hitzigen Klassik-Betrieb nicht verheizen. Sie bleibt sich und ihrer Linie stets treu. Auch ihre CD-Programme wählt sie immer mit viel Bedacht. Dabei gibt es gelegentlich versteckte Verbindungslinien. Nach zuletzt einer Gesamteinspielung von Händels Klaviersuiten hat sich Schirmer nun die Händel-Variationen von Johannes Brahms ausgesucht.
Brahms hat sich im Laufe seines Lebens immer wieder intensiv mit Barockmusik auseinandergesetzt. Er war Abnehmer der ersten Bach-Gesamtausgabe und hat Teile aus Händels Oratorien für Orchester bearbeitet. Außerdem er hat Klaviervariationen über ein Thema von Händel geschrieben.
Schirmer hat diese Variationen nun an den Beginn ihres ersten Brahms-Albums gesetzt. Eine wunderbar durchdachte und gleichsam spontane Aufnahme. Die meist kurzen Variationen gestaltet sie mal mit Augenzwinkern, mal mit Verve. Zwar ließe sich einwenden, dass man einige, etwa die 7. Variation, andernorts schon nervöser, unbedingter gehört hat - doch Schirmer setzt stattdessen ganz gezielt auf ein sehr ausbalanciertes Spiel. Bass- und Melodiestimme bilden ein herrliches Gleichgewicht, teils ergänzt um versteckte Zwischenstimmen in der Mittellage.
"Das ist so spannend, wie er am Ende noch diese riesige Fuge daran setzt, so als wären 25 Variationen noch nicht genug", so Schirmer. "Da kann man natürlich, wenn man da psychisch versucht einzusteigen in die Gefühlswelt eines Komponisten, unglaublich viel als Interpret entdecken und herausziehen." In der Fuge bilden Schirmers gestalterische Intelligenz, ihr kraftvolles, aber immer auch transparentes Spiel, eine überzeugende Einheit.
Als Gegenpol zur strengen Fuge folgen anschließend die 15 Walzer op. 39. "Diese Walzer, die ja so bezaubernd sind, sind ja eher als vierhändiges Werk bekannt", sagt Schirmer, "und Brahms selber hat sie ja für zwei Hände umgeschrieben, weil er sie auch selber so mochte und weil sie so populär waren zu seiner Zeit. Ich finde es so hochinteressant, wie er mit ganz schlichten, aber bezaubernden, liebevollen Mitteln diese kleinen Kunstwerke schafft." Raffiniert und fein abgestimmt, nie plump tänzelnd, dafür teils schwebend, fein geädert und farbenfroh - so deutet Ragna Schirmer diese Walzer.
An den Schluss ihres Programms hat Schirmer die beiden Rhapsodien op. 79 gestellt. "(...) mit den Rhapsodien ergibt sich so eine kleine Chronologie über das Werk eines Komponistenlebens", findet Schirmer. Es ist die Wende zum späten Brahms. Die Farben werden herber, fahler. Der Ausdruck verdichtet sich noch mehr als zuvor. Die Zielstrebigkeit, mit der Schirmer diese Werke spielt, zeigt sich vor allem am Ende des ersten Teils in der g-Moll-Rhapsodie. Schirmer legt diesen Abschnitt als großes Crescendo an, als eine einzige Steigerung - nicht nur in puncto Lautstärke, sondern was die gesamte Intensität betrifft.
Schirmers Brahms-Einspielung überzeugt auf ganzer Linie. Die Musik klingt nicht so überhitzt wie bei Julius Katchen, nicht so romantisiert wie bei Claudio Arrau, nicht so breitströmend wie bei Gerhard Oppitz - nein, dieser Brahms ist sehr persönlich, aber nie manieriert, er ist nuancen- und kontrastreich, durchdacht und stimmungsvoll.

Schirmer, Ragna