NDR Kultur - Hören und Genießen
Das Kulturprogramm für Deutschlands Norden im Radio. mehr
Felix Mendelssohn, 1. Sinfonie und Scherzo aus dem Streichoktett
Robert Schumann, Sinfonie Nr. 4
NDR Sinfonieorchester
Leitung: Thomas Hengelbrock
Im September beginnt eine neue Ära beim NDR Sinfonieorchester: ab dieser Saison ist Thomas Hengelbrock Chefdirigent des renommierten Klangkörpers. Rechtzeitig zum Amtsantritt des Maestros erscheint auch die erste CD. Für das Label Sony hat Hengelbrock mit seinen NDR Musikern Sinfonien von Schumann und Mendelssohn aufgenommen.
Die Musik springt uns förmlich an mit ihrem jugendlichen Überschwang. Unter Leitung von Thomas Hengelbrock stürmt das NDR Sinfonieorchester so frisch und feurig drauflos, als wollte es die Hörer aus den Sitzen fegen. So bekommt Mendelssohns Erste eine fast opernhafte Energie. Kein Wunder, schließlich ist das Stück im selben Jahr wie Webers "Freischütz" entstanden. Und noch ein anderes Vorbild hat seine Spuren hinterlassen, sagt Hengelbrock.
Gerade wenn Sie das Seitenthema des ersten Satzes nehmen - das ist sehr durch die Rossini-Erfahrung von Mendelssohn geprägt
Streicher und Holzbläser scheinen sich mit ihrer heiteren Melodie gegenseitig zu necken. Dass dieser Dialog so schön zur Geltung kommt, liegt auch an der Aufstellung des Orchesters. Hengelbrock hat die Geigen rechts und links von sich gegenübergesetzt und die Holzbläser in der Mitte dazwischen platziert. So entsteht ein kammermusikalischer Kontakt. Er legt großen Wert darauf, dass seine Musiker genau aufeinander hören - dadurch sind auch wunderbar leise Töne und gedeckte Farben möglich, wie im im langsamen Satz.
Die Aufnahme kombiniert Mendelssohn sinfonischen Erstling mit der vierten Sinfonie von Schumann in ihrer Frühfassung aus dem Jahr 1841. Da gibt es einige Überraschungen - zum Beispiel zu Beginn des Scherzos.
Diese Trompetenfanfare hat Schumann vor der Drucklegung der Sinfonie wieder durchgestrichen. Und das bleibt nicht die einzige Abweichung. Der Klang ist schlanker als in der späteren Fassung, auch durch die historischen Blechblasinstrumente, und Thomas Hengelbrock hat raschere Tempi gewählt. Die spätere Neigung Schumanns zur Langsamkeit sieht er als Folge von dessen Syphilis-Erkrankung.
Hengelbrock kehrt zum schnelleren Zeitmaß der Urfassung zurück. Trotzdem klingt Schumann lange nicht so unbeschwert und leichtfüßig wie Mendelssohn. Seine Musik verströmt vielmehr oft jene melancholische Schwere, jenen Weltschmerz, der für diese Zeit so typisch ist. Und so zeigt uns die Aufnahme die Tag- und die Nachtseite der Romantik: mit zwei Meisterwerken in mitreißenden Interpretationen auf internationalem Spitzenniveau. Ein furioser Start für Hengelbrock und das hervorragende NDR Sinfonieorchester.

Thomas Hengelbrock