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Vorgestellt von Jan Ritterstaedt
Sharon Kam hat schon zweimal den ECHO Klassik als "Instrumentalistin des Jahres" erhalten.
Erst sehr spät hat Johannes Brahms die Klarinette mit Kammermusik bedacht. Im Jahr 1891 entstand sein Quintett für Klarinette und Streichquartett h-Moll Opus 115, ein sehr abgeklärtes und introvertiertes Werk - alles andere als ein virtuoses Bravourstück und damit wie geschaffen für die Klarinettistin Sharon Kam. Der liegt das vordergründig Virtuose nämlich gar nicht, wie sie kürzlich beim Talk mit den Kollegen von NDR Info verraten hat. Darin bekannte sie sich auch ganz offen zur Kammermusik, die sie am liebsten mit "guten Freunden" spielt.
Mit einigen dieser Freunde, den Musikern des Jerusalem Quartet, hat Sharon Kam ihre neue CD eingespielt. Zum Klarinettenquintett kam dabei noch das a-Moll-Streichquartett Opus 51,2 von Brahms.
Es ist ein bisschen wie beim Staffellauf: Jeder der fünf beteiligten Musiker darf einmal den Stab in der Hand halten und die Führungsrolle einnehmen. Selbst der farblich herausgehobene Klarinettenpart soll hier mit dem musikalischen Satz verschmelzen. So wollte es Johannes Brahms, und Sharon Kam hat da keine Einwände. Dezent hält sie sich zurück, versucht niemals ihre Musizierpartner zu überstrahlen - auch wenn der Stab an sie weitergegeben wird.
Im langsamen Satz des Quintetts kann Kam ihre ganze Erfahrung als Solistin wie als Kammermusikerin voll ausspielen. Mit ihrem zarten und leicht dunkel gefärbten Ton kann sie quasi aus dem Nichts auftauchen und sich innerhalb weniger Takte zur großen und intensiv deklamierten Klanggeste emporschwingen. Dabei wirkt ihr Spiel kontrolliert und intuitiv zugleich. Jeden Augenblick kostet die israelische Klarinettistin voll aus, nach dem Motto "Verweile doch, du bist so schön!" Dem Jerusalem Quartet geht es ganz ähnlich.
Ein ständiges Geben und Nehmen, ein ständiges Auf- und Entladen von Spannungen bestimmt Brahms' a-Moll-Streichquartett. Sehr organisch gestalten die Musiker des Jerusalem Quartets die Übergänge zwischen den einzelnen Phrasen. Stets haben sie die musikalische Entwicklung des Satzes vor Augen. Kompakt und geschlossen spielen die Musiker im einen Moment, um im nächsten Augenblick fast unmerklich wieder in vier gleich bedeutsame Einzelstimmen zu zerfallen.
Viel Leidenschaft haben das Jerusalem Quartet und die Klarinettistin Sharon Kam in Brahms' Musik gesteckt. Das Ergebnis ist ein pulsierender Organismus, eine sehr dynamische Interpretation voller reizvoller klanglicher Metamorphosen.

Sharon Kam / Jerusalem Quartet