Walter Jens - Porträt eines Querdenkers
Der Literaturhistoriker und Autor war bekannt für geschliffene Rhetorik. Am Sonntag ist Jens gestorben. mehr
Am 9. Juni starb der Rhetorikprofessor Walter Jens in Tübingen.
Am Sonntagabend verstarb einer der führenden Intellektuellen Deutschlands: Walter Jens. Der Rhetoriker und Publizist wurde 90 Jahre alt. Als moralische Instanz war er überzeugt davon, sich einmischen und warnen zu müssen. Auf diese Weise prägte er die Streitkultur. Der gläubige Christ galt zudem als engagierter Pazifist. So engagierte er sich zusammen mit seiner Frau Inge Jens in der Friedensbewegung und beteiligte sich 1984 an Sitzblockaden vor dem amerikanischen Atomwaffendepot Mutlangen. Während des Ersten Golfkriegs versteckte er zwei US-Soldaten - und musste sich für Beihilfe zur Fahnenflucht vor Gericht verantworten.
Geboren wurde Jens am 8. März 1923 in Hamburg. Ab 1950 gehörte er zum Literaten-Kreis "Gruppe 47" um Hans Werner Richter. Im selben Jahr gelang ihm der Durchbruch als Schriftsteller mit dem Roman "Nein. Die Welt der Angeklagten". Zwischen 1963 und 1988 hatte Jens in Tübingen den eigens für ihn eingerichteten und bundesweit ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik inne.
Der engagierte Demokrat mischte sich stets in die öffentlichen Debatten ein. Die Bibel hielt Jens für ausgezeichnete Literatur. In einem Interviews anlässlich seines 80. Geburtstags vor zehn Jahren sagte er: "Es entgeht einem doch sehr viel, wenn man die Propheten oder den Römerbrief nicht gelesen hat. Die meisten Politiker haben vielleicht die Apokalypse etwas genauer gelesen."
Walter Jens litt seit vielen Jahren an schwerer Demenz. Seine Frau Inge und sein Sohn Tilman sprachen offen über die Krankheit, um die Gesellschaft für die Probleme der Demenz zu sensibilisieren.