Das etwas andere Kirchenlexikon
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"Warum ist in der Bibel kaum etwas von der Kindheit Jesu zu lesen? Ist diese Zeit unterschlagen worden?"
Ein Wandbild von Jesus von Nazareth.
Ja, das könnte man den beiden Evangelisten Matthäus und Lukas vorwerfen. Berichten doch beide von der Geburt Jesu – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Matthäus erwähnt nach der Geburt den ungewöhnlichen Besuch der drei Weisen in Bethlehem. Und wenige Verse später beschreibt er die Flucht der Eltern mit ihrem Kind nach Ägypten. Von dort kehrt die Familie später zurück. In Nazaret findet sie eine neue Heimat. Danach bricht die Erzählung unvermittelt ab.
Lukas schildert nach der Geburt Jesu noch seine Beschneidung in Jerusalem. Wenige Zeilen später ist in seinem Evangelium etwas zu lesen vom zwölfjährigen Jesus, den seine Eltern bei einer Pilgerreise suchen. Während sie auf dem Weg zurück nach Nazaret sind, bleibt Jesus im Tempel in Jerusalem, wo er den Schriftgelehrten Fragen stellt und ihnen zuhört.
Mehr aus der Kindheit Jesu gibt es nicht. Jedenfalls nicht in den Evangelien der Bibel. Und das Markusevangelium, das als das älteste Evangelium gilt, erwähnt noch nicht einmal die Geburt Jesu. Dieses Schweigen über die Jugend Jesu hängt zusammen mit dem geringen Interesse der ersten christlichen Gemeinden an seinem Leben, bevor er durch Wunder und seine Lehre auf sich aufmerksam macht. Sein Leiden, sein Sterben und seine Auferstehung beschäftigten die jungen Gemeinden. Seine Kindheit ist uninteressant. Das gilt auch für das jüngste Evangelium des Johannes.
Vermutlich sind in den jungen christlichen Gemeinden jedoch bald Erzählungen über die Kindheit Jesu in Umlauf gewesen. Matthäus und Lukas haben jeweils einige davon für ihr Evangelium ausgewählt, um ihrem Text von Anfang an eine klare Richtung zu geben: So ist Jesus bei Lukas in Armut in einem Stall geboren. Und sein ganzes Leben steht er auf der Seite der Armen. Bei Matthäus ist dagegen gleich nach der Geburt von Schätzen die Rede, die drei weise Männer dem Kind bringen. Außerhalb der Bibel gibt es einige sogenannte Kindheitsevangelien, die mit phantasiereich ausgeschmückten Legenden die Kindheit Jesu ausmalen. Nebensächliches wird hier zum Mittelpunkt. Im Altertum, im Mittelalter und in der Renaissance hatten diese verborgenen Bücher der Bibel, wie sie auch genannt werden, großen Einfluss. Das Interesse etwa an der Kindheit Jesu war riesengroß.
Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.