Gewissensfrage: Ich hatte eine Tochter

Eine meiner beiden Töchter ist früh verstorben. Wenn ich heute gefragt werde, wie viele Kinder ich habe, ertappe ich mich öfter dabei, dass ich sage: eine Tochter", weil ich keine Lust habe, Fremden gegenüber zu sagen, dass die zweite Tochter gestorben ist. Allerdings habe ich dann immer ein ganz schlechtes Gewissen. Was würden Sie raten?

Eine Person sitzt mit auf den Händen gestüztem Kopf in einem dunklen Raum am Tisch. © DNY59 / iStockphoto Fotograf: DNY59 Detailansicht des Bildes Eine Person sitzt mit auf den Händen gestüztem Kopf in einem dunklen Raum am Tisch. Klaus Hampe: Stellen wir uns kurz vor, wir beide begegnen uns zum ersten Mal und beginnen eine Unterhaltung. Und dabei frage ich Sie auch: "Haben Sie Kinder?" Und Sie antworten: "Ja, zwei Töchter, aber eine ist verstorben." Was, denken Sie, geht jetzt in meinem Kopf vor? Also, so wie ich mich kenne, würde ich überlegen: "Warum erzählt sie mir das jetzt? Braucht sie Trost? Soll ich sie fragen, wann und wie die Tochter gestorben ist? Ist das ein versteckter Hilferuf? Kommt sie mit ihrem Schicksal nicht klar?"

An diese Stelle - bei einem Kontakt mit Fremden - passt die Information über das Familienschicksal nicht. Später, wenn wir uns besser kennen und sie mich zu sich einladen, sehe ich an Ihrer Wand das Foto von zwei Mädchen und Sie erklären mir: "Das links ist meine andere Tochter. Sie ist leider schon verstorben", dann passt die Information zur Situation. Kein Fragenwirrwarr in meinem Kopf. Wir kennen uns inzwischen gut genug, so dass ich weiß, wie ich die Information einordnen muss.

Sie sagen: Sie haben keine Lust, Fremden zu sagen, dass Ihre Tochter verstorben ist. Ich denke, dass ist ihr ganz gesundes Gefühl für das, was in einer Situation passt und was nicht. Trotzdem haben Sie ein schlechtes Gewissen. Es ist, als ob Sie Ihre verstorbene Tochter verleugnen. Sie gehört doch noch zur Familie. Sie muss doch mitgezählt werden. Das tun sie ja auch. Denn in Ihrem Herzen bleibt sie ihre Tochter. Die Bibel erlaubt uns aber noch eine andere Sichtweise: Für unsere Verstorbenen gelten Verwandtschaftsbeziehungen nicht mehr.

Jesus wurde mal gefragt, wie das mit einer Frau sei, die nacheinander mit mehreren Männern verheiratet war, die alle gestorben waren. "Mit wem wird diese Frau im Himmel verheiratet sein, wenn sie gestorben ist?", wurde er gefragt. Jesus antwortete: "mit keinem Mann." Und er erklärte, dass wir wie Engel sein werden. Weder Mann noch Frau, weder verheiratet noch sonst irgendwie in Familienstrukturen eingebunden. Drüben, sozusagen "auf der anderen Seite", da wo ihre Tochter jetzt ist, geht es ganz anders zu. Darum müssen Sie Ihre Tochter gar nicht mehr überall mit hinnehmen. Denn sie hat eine ganz neue Welt gefunden. Dort gibt es keine Einsamkeit, keine Traurigkeit, kein Leiden. Und darum können Sie ein ruhiges Gewissen haben - wenn sie an Ihre Tochter denken und auch, wenn Sie mal nicht an Ihre Tochter denken.

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schicken Sie sie einfach an fragen@gewissensfragen.de oder per Post an "Gewissensfragen", c/o Evangelische Kirche im NDR, Knochenhauerstraße 38-40, 30159 Hannover.

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