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"Hallo mein Engelchen, mein lieber Junge, mein Wadim. Nach mehreren Tagen Bangen und Hoffen habe ich traurige Gewissheit: Du bist tot. Junge, Junge, was hast du dir dabei gedacht? Du hast mir versprochen, so etwas nie zu tun. Und ich? Ich habe versagt! Ich habe dich im Stich gelassen!" Im Januar 2010 wirft sich Wadim in Hamburg vor eine S-Bahn - mit 23 Jahren.
Der Dokufilm Wadim erzählt die erschütternde Geschichte von einem Jungen, der als 18-Jähriger abgeschoben wurde und bei der Suche nach einer Heimat zerbrochen ist.
Wadim war ein fröhlicher Junge, Hamburg sein Zuhause. Dort ging er zur Schule, hatte viele Freunde. Wadim fühlte sich als Deutscher und war das, was man als perfekt integriert versteht. Doch Wadim war ein Flüchtling, ein Staatenloser noch dazu. Als die Sowjetunion zusammenbricht, flieht Wadims russischstämmige Familie aus Lettland. Hamburg soll für sie zu einer neuen Heimat werden. "Am Anfang waren wir natürlich neugierig: Wie sieht Hamburg aus? Die Kinder waren noch klein, und wir dachten, hier ist die Zukunft für beide. Und sie finden ihren Weg", erzählt Viktoria K., die Mutter von Wadim. Die neue Zukunft beginnt eingepfercht in einem Wohnschiff für Asylbewerber. Wadim ist damals sechs Jahre alt.
Mit vielen persönlichen Bildern und einer bestechend eindringlichen Ruhe zeichnet die Dokumentation "Wadim" nach, wie eine Familie darum kämpft, einen Platz in Deutschland zu finden, sich zu integrieren und nicht als Asylbewerber abgestempelt zu werden. Doch der Asylantrag von Wadims Familie wird abgelehnt. Fortan sind sie lediglich in Deutschland geduldet - so wie 87.000 andere Menschen, die ständig von der Abschiebung bedroht sind.
Immer wieder müssen Wadims Eltern zum Amt, um ihre Duldung zu verlängern.
Wadims Eltern dürfen nicht arbeiten, haben keinen Anspruch auf Sozialhilfe. Mal wird die Duldung ein paar Monate verlängert, mal nur eine Woche. Immer wieder müssen sie bei der Ausländerbehörde vorstellig werden. "Da musste man sehr früh aufstehen, um vier, fünf Uhr morgens, damit man wenigstens diese Nummer bekommt", so Viktoria K.
Der Film hinterfragt das menschenunwürdige Vorgehen und den steifen Apparat der Behörden - und zeigt, was das mit den betroffenen Menschen macht. "Immer Angst, immer Zittern. Was passiert? Warum warten wir so lange? Wie lange dauert das noch? Was sagen sie jetzt zu uns?", sagt Wadims Mutter. 13 Jahre lebt seine Familie im Schwebezustand. "Wadim hat mich mal gefragt: 'Mama, was ist los mit dir? Du warst doch mal ganz anders.' Weil ich habe versucht, sie zu schützen vor all dem. Ich habe gesagt: 'Junge, ich bin einfach müde geworden.' Ich bin zerbrochen daran."
Im Januar 2005 passiert das, wovor die ganze Familie Angst hat: Die Polizei stürmt kurz nach Mitternacht die Wohnung. Die Familie soll abgeschoben werden. Im Polizeiprotokoll heißt es später: "In dieser Situation nutzt Wadims Mutter eine unbeobachtete Gelegenheit, um sich die Pulsader aufzuschneiden. Gleichzeitig konzentriert man sich dann wieder auf den Ehemann, der leistete offensichtlich erheblichen Widerstand."
Der Selbstmordversuch der Mutter verhindert die Abschiebung der ganzen Familie. Nur der 18-jährige Wadim wird sofort in Handschellen nach Lettland ausgeflogen. Mit nur zehn Euro in der Tasche. Ohne Ansprechperson, ohne Bleibe. Von seinem letzten Geld kauft er sich eine Telefonkarte, um zu Hause anzurufen - in Hamburg. "Er hat die ganze Nacht nur geweint. Alles, was er wollte: Mama, holt mich hier raus. Wann holt ihr mich hier endlich raus?"
Seinen Eltern sind die Hände gebunden. Für Wadim beginnt eine Odyssee durch Europa. Er hofft, irgendwo eine Staatsangehörigkeit zu bekommen. Dreimal wird er nach Lettland abgeschoben. Doch weil er russischstämmig ist, bekommt er auch dort keinen Pass. Der Film zeigt bedrückend, wie ein fröhlicher Junge auf der Suche nach einem Platz auf der Welt zunehmend innerlich zerbricht. Im Januar 2010 besucht er noch einmal illegal seine Familie in Hamburg. Es ist das letzte Mal.
"Wadims Geschichte verdeutlicht so sehr, wie wichtig es ist zu verstehen, dass es für jeden Menschen ein Zuhause geben muss, einen Ort, wo er hingehört. Und dass das ein sehr wertvolles Gut ist, auf dem man nicht herumtrampeln darf", sagt der Anwalt der Familie.
Diese Geschichte und diesen Film vergisst man nicht so schnell. Auch weil er zeigt: Heimat ist mehr als ein Aktenzeichen.