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Wenn am Sonntag in Los Angeles die Oscars verliehen werden, hat nach Meinung von Insidern Philip Seymour Hoffman in jedem Fall die Auszeichnung als bester Nebendarsteller verdient - für seine Rolle in dem Film "The Master" von Paul Thomas Anderson. Darin spielt Hoffman einen Sektenführer in den 50er-Jahren.
Zu den vielen Dingen, die sich in diesem Film herausstellen werden, gehört die Tatsache, dass der Mensch doch nicht so weit vom Tierreich entfernt ist - ganz so wie es der Hypnosetext einer frühen amerikanischen Sekte glauben machen will. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Dies ist der beste US-amerikanische Film der Saison.
In "The Master" beobachtet der Regisseur Paul Thomas Anderson, wie sich eine Sekte formiert, die ein Vorläufer von Scientology sein könnte. Sein Film ist eine wagemutige Expedition in die Psychosen und Selbstfindungsversuche der amerikanischen 50er-Jahre. Er beginnt mit einer schicksalhaften Begegnung: Nach einer durchzechten Nacht hat es den Weltkriegsveteran und ehemaligen Matrosen Freddie Quell auf das Schiff des Sektenführers Lancaster Dodd verschlagen.
Joaquin Phoenix spielt den alkoholabhängigen, durch die Welt tapsenden Freddie Quell, der von dem charismatischen Lancaster Dodd und dessen Familie aufgelesen wird. Quell ist zerfressen von Wut, Gewalt und einer kaputten Kindheit. Er findet in Dodd, verkörpert von Philipp Seymour Hoffman, eine Art Mentor. Dass sich Quells Haltlosigkeit auch unter der Überlegenheit des Sektenführers Dodd entwickelt, wird schon klar, wenn sich die beiden mit einem von Quell zusammengemixten Gebräu aus Aufputschmitteln und Terpentin betrinken.
Für Dodd, den Scharlatan, der aus Psychoanalyse, Physik und einer selbstgeformten Mystik seine Lehre zusammensetzt, wird Quell zum Versuchsobjekt, zum Leibwächter, zum Knecht, zum heimlich begehrten - und therapierten - Freund.
Gemeinsam mit Dodd und dessen Familie sowie Hofstaat begibt sich Quell auf eine Reise durch die USA. Zu reichen Hausfrauen im Süden, die fasziniert sind von Lancaster Dodds Mischung aus Überzeugungskraft und Demagogie. Gebannt lauschen sie seiner esoterischen Lehre, zusammengeklaubt aus allerlei Philosophie- und Theoriesplittern.
Dass Dodd eine zwielichtige Figur ist, ist klar. Aber sonst ist in diesem Film auf angenehme Weise nichts klar. Seine Figuren entziehen sich auf einer Odyssee durch die USA, die auch eine Irrfahrt durch die eigene Psyche ist. Seine Szenen scheinen manchmal rätselhaft und stehen doch nur frei in der Landschaft des Films.
Die Geschichte ist in jeder Sekunde so offen wie ihr Ausgang. Während sich Joaquin Phoenix den schieflippigen, schiefschultrigen Quell mit oscar-gieriger Perfektion erarbeitet, begibt sich Philip Seymour Hoffman vollkommen gelassen ins darstellerische Delirium: Zwischen Flüstern und Brüllen, Herrschsucht und Verführung, jovialer Seriosität und schwitzendem Veitstanz. So geht's etwa wenn ein Gast auf einer Party wagt, an Dodds Lehre zu zweifeln: "Es fällt mir schwer, zu glauben, dass sie glauben - dass sie mit Zeitreisen den Weltfrieden sichern und Leukämie heilen, sie Arschficker!"
Den latent cholerischen Dodd und den gewalttätigen, exzessiven Quell verbindet ihre unausgesprochene Verzweiflung und ihre Aggressivität - beim Einen offen zutage liegend, beim Anderen mühsam unterdrückt.
Die Rollenverteilung zwischen Herr und Knecht trägt sie durch den Film - und beginnt irgendwann zu wanken. Etwa als beide zusammen wegen der illegalen Finanztransaktionen der Sekte im Gefängnis landen, Quell zertrümmert das komplette Mobiliar seiner Zelle. Dodd predigt und doziert.
Psychodrama? Gesellschaftsstudie? Historisches Zeitbild? Roadmovie? Ein Trip in die Abgründe Amerikas? "The Master" ist ein Film, der alle Kategorien sprengt. Und letztlich passt er nur in eine einzige Kategorie: Die des Films, den man sich unbedingt anschauen muss.