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"The Brownian Movement" hieß ein Film der niederländischen Regisseurin Nanouk Leopold, der vor zwei Jahren auf der Berlinale für Aufsehen sorgte. Sandra Hüller spielt darin eine Frau, die ein Doppelleben führt und heimlich mit Männern schläft, die allesamt einen körperlichen Defekt haben. Auf der vergangenen Berlinale lief Leopolds neuer Film "Oben ist es still", in dem es wieder um ein verborgenes Begehren geht.
Es gibt solche Filme, die leise beginnen und leise enden - und dabei doch eine stille Wucht entfalten. Eine Wucht, die den Betrachter nicht mehr los lässt. "Oben ist es still" ist denn auch passenderweise der Titel des Films von der niederländischen Regisseurin Nanouk Leopold.
Oben - das ist das obere Stockwerk des Hauses auf einem kleinen Bauernhof irgendwo in der niederländischen Provinz. Hier liegt der alte Vater, der nicht sterben will. Und unten wohnt und arbeitet sein Sohn, Helmer, ein gutaussehender Mann Mitte fünfzig. Oben und unten, dazwischen liegt mehr als nur eine Treppe. Und ein paar Mal treffen sie am Tag zusammen, der Starrsinn und die Gebrechlichkeit des Vaters und die schweigsame Verschlossenheit des Sohnes.
Helmer spricht mit dem Milchfahrer (Wim Opbrouck) - aber er kann ihn nicht anschauen.
"Oben ist es still" handelt nicht nur von Vater und Sohn, zwei Generationen, zwei Welten, zwei Männern, die nie gelernt haben, zu reden. Nach und nach taucht man ein in den Alltag eines Bauern: 50 Kühe, ein paar Schafe, zwei Esel. Und dann ist da noch der Milchfahrer, ein Mann in Helmers Alter. Eine seltsame Spannung herrscht zwischen den beiden. Helmer schaut ihn an, verstohlen. Aber für das, was ist oder sein könnte, gibt es keine Worte, keine Gesten. Und eines Tages kommt noch Henk dazu, ein Halbwüchsiger, der aushelfen soll auf dem Hof.
Wann hat man im Kino zuletzt Menschen gesehen, die richtig arbeiten? In "Oben ist es still" ist die ruhige Handkamera eine Verbündete von Helmer und Henk, sie hält ihre Handgriffe fest, sie beobachtet, dokumentiert, registriert. Hier werden Kühe gemolken und gefüttert, Schafe geboren, Milchtröge ausgekocht, Esel eingefangen. Es wird Stroh ausgelegt, Heu verteilt, desinfiziert, gewaschen.
Helmer (Jeroen Willems) mit seinem Knecht Henk (Martijn Lakemeier) am Küchentisch - auch das: zwei Generationen, zwei Welten.
Man hat Zeit, Helmer zu betrachten. Einen Mann, der wie gefangen wirkt im eigenen Körper. Henk, der junge Knecht, ist anders. Er blickt offen, auffordernd, auf den Älteren. Er ergreift die Initiative, zaghaft. Etwa wenn er aus der Dusche kommt, mit einem um die Hüften geschlungenen Handtuch.
Man könnte "Oben ist es still" als eine leise, untergründige Variante von Ang Lees Film "Brokeback Mountain" bezeichnen, in dem zwei Cowboys ihre Liebe füreinander entdecken. In Nanouk Leopolds Film brauchen die Dinge ihre Zeit. Und manchmal möchte man Helmer einfach schütteln. Etwa wenn der Milchfahrer ihm eröffnet, dass er die Gegend verlassen wird.
Man sieht es an Blicken, an einer anderen Körperhaltung. Und auch sein immer schwächer werdender Vater stellt plötzlich Fragen, die er nie zuvor gestellt hat: "Warum hast du so einen Hass auf mich?" (Filmzitat)
Vater und Sohn kommen sich wieder näher.
Wie soll man ein Begehren erleben, wenn man keine Liebe gelernt hat? Wie sollen zwei Männer, die das Reden nicht gelernt haben, miteinander kommunizieren? Zum Beispiel, indem sie wenigstens aneinander vorbei reden. In einer der schönsten und subtilsten Szenen von "Oben ist es still" sitzt Helmer neben seinem fest schlafenden Vater am Bett und findet endlich Worte. Für sich, für den Alten, für den Milchfahrer, den er anschauen, aber nie direkt ansprechen konnte. "Er hat wundervolle Hände. Deine haben immer nur geschlagen." (Filmzitat)
Es passiert nicht viel in diesem Film, aber unendlich viel geschieht. Bitterkeit löst sich auf. Hass verschwindet. Ein Mann fängt an seinen Körper zu bewohnen. Der Vater wird sterben. Der Knecht geht und Helmer bleibt. Aber es ist ein anderer Mann, der da im Gras liegt. Wenn "Oben ist es still", diese zarte, schöne Geschichte, endet, hat man das Gefühl, dass für Helmer etwas anderes beginnen kann.