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Wiederkommen nach Tschernobyl, 25 Jahre nach dem Super-Gau. Ein Besuch in der Zone, die er als einer der letzten verlassen hat. Leonid Korzh war Polizist und musste nach dem Unfall noch einige Tage in der Nähe des Reaktors arbeiten. Zum ersten Mal sieht er seine Heimat wieder, eine Heimat, die kaum mehr existiert.
Szene aus dem Animationsfilm: Leonids Geschichte.
"Er hat das Dorf noch mal gesehen, alle Häuser begraben, es ist nichts mehr davon da. Nur noch Hügel mit kleinen Radioaktivitätszeichen da. Ich war betroffen und auch überrascht, weil ich selber nicht erwartet habe, dass nach 25 Jahren einfach noch so ein Kummer da ist, so eine Trauer ausbricht. Und daraus entstand auch der Wunsch, mich irgendwie noch weitergehend damit zu beschäftigen." Und so hat Rainer Ludwigs nach einer Recherchereise einen animierten Kurzfilm gemacht: "Leonids Geschichte".
Die Erinnerungen von Leonid und seiner Frau hat Ludwigs zu einer Geschichte verwoben. Es ist die Geschichte des kleinen Mannes in der atomaren Krise, eine Geschichte, die viele ohne die Ereignisse in Japan womöglich vergessen hätten. Mit Zeichnungen und Archivmaterial erzählt Ludwigs die Katastrophe selbst, das hoffnungsvolle Leben davor und das stumme Leiden danach.
Rainer Ludwigs zeigt in seinem Animationsfilm, wie ein Tag ein ganzes leben ruinieren kann.
"Ich wollte die Geschichte linear erzählen, also das, was passiert ist anhand dieses Einzelschicksals, dieser Familie. Weil es dadurch auch natürlich emotional wird. Man identifiziert sich ja mit den Leuten. Und das konnte natürlich am besten gelingen, indem man auf künstlichem Wege die fehlenden Teile, die nicht über Dokumentarmaterial vorhanden waren, irgendwie ergänzt und dabei nah an den Akteuren bleibt."
Minimalistisch, beinahe kühl sind so die schlimmsten Momente im Leben des Paares skizziert. Nach nur einem Monat Liquidatorenarbeit wird Leonid krank - lebenslang. Und auch seine Frau Ludmilla leidet - der Staat will sie zu einer Abtreibung zwingen. Sie flieht.
"Ich glaube, dass es nicht nur um diese Familie gehen kann. Es sind ja Tausende von Schicksalen gewesen wie Leonids. Insofern ist es dann in der abstrahierten Form der Zeichnung auch wieder übertragbar auf andere Schicksale. [...] Es bleibt einfach auch heute noch dieses Gefühl, dass sie einfach in ihrer Ohnmacht verharren, weil sie ja nichts machen können. Was können sie tun? [...] Diese Ohnmächtigkeit hat mich auch so betroffen gemacht, also, ich sag mal, so eine stumme Leidensfähigkeit, wie man sie jetzt auch bei den Japanern sieht. Weil man ja nichts machen kann, niemand kann was tun. Wen soll man schuldig sprechen, wo soll man seine Wut rauslassen? Man kann nichts tun, man kann dies einfach nur ertragen, und das ist bei Leonid und Ludmilla auch nach fünfundzwanzig Jahren noch so."
Szene aus dem Animationsfilm: Leonids Geschichte.
Diese Ohnmacht, diese Hilflosigkeit zeigt der Film eindrücklich. Zugleich erzählt er liebevoll von der unbeirrbaren Sehnsucht nach Leben. Nach normalem Leben. Die Fotos von Aljoscha, dem 1986 geborenen Sohn, sind ein kleiner Triumph über die Katastrophe. Ein Triumph, der aber nicht ablenken kann von dem großen Verlust. Von Leonids verlorener Heimat am Fluss, von dem verlorenen Naturparadies. Mit diesen idyllischen Rückblicken mahnt der Film, ganz leise - vielleicht ein bisschen zu leise, wenn man an Japan denkt?
"Ich konnte das natürlich nicht erwarten, dass das jetzt so aktuell noch mal wird. Aber es hört einfach nicht auf, aktuell zu sein. Es war eine Bestätigung auch, und ich bin jetzt natürlich froh, dass es diesen Film gibt und ich dazu auch noch mal einen Teil beitragen kann zu dieser Diskussion, die ja nach wie vor geführt werden muss." Der Film zeigt, wie ein einziger Tag ein ganzes Leben ruinieren kann. Leonids Geschichte ist eine von Hunderttausenden.