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Mehr als 15 Filmadaptionen von Charlotte Brontes Roman "Jane Eyre" gibt es, darunter solche von Robert Stevenson oder Franco Zeffirelli, sowie anscheinend zahllose TV-Filme.
Nach dem Tod ihrer Eltern ist das kleine Mädchen Jane Eyre der Willkür ihrer missgünstigen Verwandten ausgesetzt. Sie wird in ein strenges, verwahrlostes Mädchenpensionat gebracht, dort gedemütigt, geprügelt und gequält. Sie wird als Gouvernante engagiert - und verliebt sich in den Hausherrn von Thornfield Hall, den zynischen, um viele Jahre älteren Lebemann Edward Rochester.
Ihn umgibt ein düsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit. Eigentlich der Plot für einen sentimentalen Herzschmerzroman, Charlotte Bronte machte schon 1847 daraus einen Roman über eine junge Frau, die ein selbstbestimmtes Leben will.
Jetzt kommt Cary Fukunaga mit einer neuerlichen Verfilmung von "Jane Eyre". 2009 wurde er mit dem dokumentarischen Spielfilm "Sin nombre" über die mexikanische Mafia-ähnliche Organisation berühmt.
Jane Eyre, in Haube und züchtig geschlossenem Kleid, lehnt am Fenster des einsamen Schlosses Thornfield Hall, in dem sie als Gouvernante arbeitet und blickt hinaus in die wilde Moorlandschaft Schottlands: Ein zentrales Bild ihrer Gefangenschaft, aus der sie ausbrechen wird. Selten hat eine Jane Eyre-Verfilmung so atmosphärisch genau die innere, wie äußere Isolation der jungen Gouvernante gezeigt. Wie viele Frauen des viktorianischen Zeitalters ist Jane Eyre gefangen in starren Konventionen und strengen Anstandsregeln.
Sie ist eine Kämpferin, und sie wird immer stärker, was immer ihr das Schicksal auch entgegen wirft. Sie weigert sich ihr Los als Frau, als Untergebene und als Mitglied der arbeitenden Klasse anzunehmen. Sie bewahrt sich unter allen Umständen ihre Selbstachtung, bestimmt selbst ihr Schicksal, deshalb hat sie bis heute so eine Bedeutung.
Viele bisherige Verfilmungen konzentrierten sich auf den Schlossherrn Edward Rochester, in den sich Jane Eyre verliebt, und auf die mysteriösen Geschehnisse, die ihre Liebe verhindern.
Cary Fukunaga und seine Drehbuchautorin Moira Bellini folgen der unkonventionellen Protagonistin. Furchtlos und zugleich respektvoll gingen sie mit dem Klassiker um, kürzten ihn, zeigen nur in kurzen Rückblenden Janes Kindheit, mischen Elemente aus Krimi, Psychodrama, Horror- und Liebesfilm und sind dabei doch ganz nah an Charlotte Brontes Roman. Sie erzählen zurückhaltend, entziehen sich aller Melodramatik, und zeigen ohne Pathos eine junge Frau, die sich aufrecht den Zwängen und der Verlogenheit ihrer Zeit stellt.
Die australische Schauspielerin Mia Wasikowska porträtiert Jane einfühlsam, mit großer Klarheit. Ungeschminkt, in schlichten Kleidern, ist Jane Eyre keine Schönheit, sie bezaubert mit ihrer Direktheit, ihrer Ernsthaftigkeit und einer ganz eigenen Sensibilität.
Michael Fassbender spielt Edward Rochester als einen widersprüchlichen Charakter, verschlossen, launisch aber auch verständnisvoll und mutig. Oft wortgetreu aus dem Roman übernommen, wurden die scharfsinnigen Streitgespräche zwischen Rochester und Jane. Auch wenn sie an den entgegensetzten Seiten eines brennenden Kamins stehen, inszeniert Cary Fukunaga sie doch so, als berührten, küssten sie sich.
Viele der vibrierenden Einstellungen scheinen von den Gemälden Jan Vermeers inspiriert. Hauptsächlich in natürlichem Licht gedreht, werden im Schloss Gesichter, Nacken und Hände nur durch seitlich einfallendes Fensterlicht oder Kerzenschimmer beleuchtet.
Immer wieder spiegelt die Natur des schottischen Hochlands die Gefühle von Jane. Über eine weite menschenleere Moorlandschaft ziehen heftige Stürme, eisige Regenschauer, und dann bricht die Sonne durch die Wolken. Das Schloss Thornfield Hall ist ohne den Hausherrn grau, ohne Leben, wenn Edward Rochester von seinen Reisen zurückkehrt, werden die Teppiche ausgerollt, Blumen aufgestellt, die Kamine angezündet und Feste gefeiert.
Cary Fukunaga begeisterte schon mit seinem Spielfilm "Sin nombre" über eine mexikanische Mafiabande, jetzt gelang ihm eine der stimmigsten und schönsten Adaptionen von "Jane Eyre".