Stand: 05.03.2013 10:30 Uhr
Jeremy Irons schwärmt für Lissabon
Er hat mit Regisseuren wie Louis Malle und David Cronenberg zusammengearbeitet, dabei stets kontroverse Rollen gespielt. 20 Jahre nach der Verfilmung von Isabel Allendes Roman "Das Geisterhaus" drehte Jeremy Irons erneut mit Regisseur Bille August in Portugal. Der Brite Irons spricht über "Nachtzug nach Lissabon", die Verfilmung des Bestsellers von Pascal Mercier, in der er einen Berner Professor spielt, der Hals über Kopf nach Portugal aufbricht.
Ihre Figur Reimund Gregorius sagt, dass er von dem Buch, das er von einer seltsamen Fremden erhält, von den Worten des Autors tief berührt wird. Wie ging es Ihnen, als Sie das Drehbuch und den Roman "Nachtzug nach Lissabon" gelesen haben?
Jeremy Irons: Ich habe den Roman erst gelesen, nachdem mir das Drehbuch angeboten wurde. Mit dem Roman hat man den Luxus, dass er den Inhalt aus dem Drehbuch erweitert. Ich war davon hingerissen. Während ich es gelesen habe, sagten mir so viele Leute, "oh, das ist mein absolutes Lieblingsbuch." Es handelt von etwas, das sich die meisten von uns unterbewusst fragen: "Könnte ich gerade etwas anderes tun? Gibt es ein anderes Leben für mich? Wie wichtig ist mein Leben?" Ich war sehr berührt vom Buch. Dann fuhr ich nach Lissabon und fing an, den portugiesischen Autor Fernando Pessoa zu lesen. Viel von seiner Philosophie steckt in "Nachtzug nach Lissabon".
Premiere in Hamburg
Hamburg Journal - 21.02.2013 19:30 Uhr
Ganz großes Kino: Bei der Premiere der Roman-Verfilmung "Nachtzug nach Lissabon" ist auch der letzte Platz besetzt. Weltstar Jeremy Irons sorgt auch live für Action.
Haben Sie wie Ihre Figur jemals gedacht, dass Sie spontan Ihr Leben ändern müssen?
Irons: Ich führe ein ganz anderes Leben als Reimund Gregorius. Auf eine Art steige ich jedes Mal in den Nachtzug nach Lissabon, wenn ich aufbreche, um einen Film zu drehen. Ich fahre woanders hin, recherchiere für meine jeweilige Rolle. Wenn ich eine historische Figur spiele, die vor nicht allzu langer Zeit gelebt hat, suche ich nach Zeitzeugen, die diese kannten. So wie Gregorius mehr über den Autor des gefundenen Buches herausfinden will, das ihn so sehr beschäftigt, würde ich auch handeln, um eine Rolle zu erschaffen. Gregorius hingegen ist aus der Schweiz, eine Nation, die keine Erdbeben kennt und mit Sicherheit noch nie über eine Revolution nachgedacht hat - ganz anders als Lissabon. Der Professor unterrichtet Linguistik als Lebensjob. Ein Mann, der mit jedem neuen Studentenjahrgang seine Arbeit Jahr für Jahr wiederholt. Für ihn ist der Aufbruch ein riesiger Schritt.
Haben Sie sich für diese Rolle eine neue Gangart zugelegt?
Irons: Man muss für jede Rolle herausfinden, wie es sich anfühlt, dieser Mensch zu sein. Das wirkt sich auf alles bei dieser Figur aus: Wie man spricht, wie man guckt, wie man läuft, wie man denkt, wie man im Bett liegt. Das ist es, woraus Schauspiel besteht.
"Es ist romantisch, durch Lissabon zu laufen"
Sie waren bereits vor 20 Jahren mit Regisseur Bille August in Portugal für den Dreh von Isabel Allendes "Das Geisterhaus", die aktuelle Romanverfilmung von Pascal Mercier wurde auch dort gedreht. Wie hat sich Lissabon seither verändert?
Alfama ist die Altstadt von Lissabon.
Irons: Wir haben "Das Geisterhaus" im Alentejo gedreht. Das ist südlich von Lissabon. Eine sehr arme Gegend, mit Korkanbau und einfacher Landwirtschaft. Diese Gegend ist jetzt ein attraktives Naherholungsgebiet geworden. In Lissabon habe ich fürs Geisterhaus ungefähr eine Woche gelebt, in einem Viertel aus dem 19. Jahrhundert. Damals hatte ich nicht viel Zeit, die Gegend zu erkunden. Dieses Mal war ich im alten Teil Lissabons und habe eine neue Stadt entdeckt. Eine Stadt, die eine ähnliche Anziehungskraft hat, wie San Salvador Bahia in Brasilien. Als ich dort war, sah ich Verfall, Leute, die in vermodernden Gebäuden leben. Anders als in London, wo in kompletten Gegenden niemand lebt. Im alten Lissabon leben die Bewohner seit langer Zeit. Es ist sehr romantisch, durch diese Straßen zu laufen. Ich habe wunderbare Leute getroffen, ich schätze Portugiesen sehr. Ich mag ihre Lebensart.
... verglichen mit der der Briten?
Irons: Na ja, ich bin Brite und man nimmt seine eigene Nationalität als selbstverständlich wahr. Man sieht nicht ihre Qualitäten, aber die Vorteile anderenorts. Ich habe mich gerade im Hamburger Hafen umgeschaut. Ich bin so beeindruckt und so neidisch darauf. In London haben wir keinen Hafen mehr, dabei war es eine Hafenstadt und eine Handelsstadt. Der Hafen besteht jetzt aus großen Gewerbeflächen oder Luxusappartments. Man fühlt in Hamburg, dass der Hafen ein großer Motor ist, der die Stadt antreibt. Das ist sehr aufregend.