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Er ist nicht der klassische Krimi-Autor, eher ein Kriminal-Philosoph: Der Berliner Rechtsanwalt Ferdinand von Schirach. In seinem gefeierten Kurzgeschichten-Band "Verbrechen" interessiert ihn vor allem, warum Menschen kriminell werden. Auf einer Episode aus diesem Buch basiert der neue Film "Glück" von Doris Dörrie, der am 23. Februar in die Kinos kommt.
"Als Strafverteidiger bin ich Spezialist für die Suche nach Glück und den Moment, wo das Glück uns verlässt. Dieser Moment, der unser Leben für immer verändert. Ein Unfall, ein Unglück, oder wenn wir jemanden verletzten oder gar umbringen." Etwas hölzern sind diese Betrachtungen des erzählenden Anwalts an den Beginn des Films gestellt. In der folgenden Versuchsanordnung geht es darum, was "Glück" für einen Menschen bedeutet, der alles verloren hat - wie Filmheldin Irina. Als Bilder-Montage wird ihre Vorgeschichte erzählt: eine strahlende junge Frau im ehemaligen Jugoslawien, dann todbringende Panzer - die Eltern ermordet, sie selbst vergewaltigt. Traumatisiert flieht Irina nach Berlin, wo ihr als illegaler Ausländerin nur der Straßenstrich als Erwerbsmöglichkeit bleibt.
Der schäbige Beruf, die billige Absteige, vor allem aber die Einsamkeit machen Irina zu schaffen. Da ist es ein großes Glück für sie, als sie dem obdachlosen Punk Kalle begegnet. Ganz vorsichtig kommen sich die beiden näher. Zwei tief Gesunkene, die sich gegenseitig zumindest für Momente aufrichten können. Aber natürlich ist dieses Glück brüchig.
Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichte "Glück" besteht gerade mal aus elf Seiten, die um einen äußerst bizarren Kriminalfall kreisen. Doris Dörrie hat diese recht nüchterne Skizze zum farbenfrohen Liebesmärchen ausgemalt. Ungewöhnlich daran, wie sehr der Erzählton hin- und herschwingt - zwischen schwer auszuhaltender Tragödie und herzerwärmender Love Story. Die Heldin sticht sich Nadeln in den Oberschenkel, um ihren Schmerz mit Schmerz zu betäuben - und kann mit Punk Kalle doch höchste Glücksmomente erleben.
Maren Kroymann, Margarita Broich, Matthias Brandt, Vinzenz Kiefer, Alba Rohrwacher, Andrea Sawatzki, Petra Kleinert
Regisseurin Dörrie interessiert vor allem die menschliche Komponente der Geschichte: "Mich erschüttert es, dass sie ebenso Strandgut sind in Berlin, wie viele hier Strandgut sind. Und dieses riesige Schicksal, das hinter ihr steht, ja wirklich nur sichtbar wird, wenn man sich mit diesen Leuten auch beschäftigt - wenn man genauer hinguckt, wenn man genauer fragt."
Bei Doris Dörrie aber verbindet sich das Naturalistische immer mit dem Märchenhaften. Diese Tendenz, harte Realitäten wie das Dasein einer Straßenhure zu verniedlichen, regt ihre Kritiker fürchterlich auf und ist sicher eine Schwäche.
Dass der Film dennoch eine gewisse Glaubwürdigkeit hat, liegt an der großartigen Hauptdarstellerin: Der Italienerin Alba Rohrwacher. Wie sie als Irina dem Schicksal trotzt und sich mit Billig-Laden-Plunder versucht, eine bürgerliche Existenz einzurichten, das hat etwas sehr Rührendes.
Harte Arbeit für ein bisschen Glück, das sie dafür viel intensiver spüren kann als die, denen's richtig gut geht. Das ist die Behauptung des Films, die man Doris Dörrie abkaufen kann - oder auch nicht. Dieser eigenartige Mix aus Romanze und Krimi hält fürs Publikum jedenfalls faustdicke Überraschungen bereit und ist durchaus fesselnd.