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Blau verfremdetes Motiv: Eine ausgerollte Filmrolle. © © Henry Schmitt - Fotolia.com_23277998_M Fotograf: © Henry Schmitt - Fotolia.com_23277998_M
 

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"Die wilde Zeit" - Trampen, Drogen und Sit-ins

von Katja Nicodemus

Schon in seinem gefeierten Filmepos "Der Schakal" über den Terroristen Carlos hat sich der Regisseur Olivier Assayas mit den Nachwirkungen von 1968 befasst. Sein neuer, autobiografisch gefärbter Film dreht sich nun um einen Mann, der aus dieser Zeit nicht als Krimineller, sondern als Künstler - als Filmemacher - hervorging.

Filmtrailer: "Die wilde Zeit"

Agitation, Provokation, Revolution

"Wir sind ein Kollektiv und machen nur Agitationsfilme ..." (Filmzitat) - Ja, ja, so war sie, die politisierte Sprache der 68er-Kollektive: Agitation, Provokation, Revolution. Auch in Olivier Assayas' Film "Die wilde Zeit" gibt es junge Leute, die so reden, weil sie glauben, das ausgebeutete Proletariat, wenn nicht die ganze Welt retten zu müssen.

Szene aus dem Film "Die Wilde Zeit" © NFP/Carole Bethuel Detailansicht des Bildes Gilles (Clément Métayer) und seine Freundin Christine (Lola Créton). Aber Gilles, der junge Held des Films ist anders. Er lässt sich treiben, lässt geschehen. Er gerät einfach hinein in den Strudel der Ereignisse, wird bei einer Demonstration in Paris von Polizisten verfolgt, beschmiert nachts gemeinsam mit Freunden seine Schule mit politischen Parolen - und verliebt sich. Erst in eine Künstlerin, dann in Christine, die die Welt innerhalb einer festen Beziehung retten will.

Panorama der Lebensgefühle in den frühen 70-ern

Nachdem bei einer politischen Aktion, in die Gilles verwickelt wurde, ein Mensch versehentlich verletzt wurde, muss er Paris für eine Weile verlassen.

Szene aus dem Film "Die Wilde Zeit" © NFP/Carole Bethuel Detailansicht des Bildes Gilles und Christine sind bei einer Demonstration im Februar 1971 auf der Flucht vor der Polizei. Der Film folgt seiner Reise nach Italien - und öffnet sich zu einem Panorama der Lebensgefühle. Aus einzelnen, locker gefügten Szenen entstehen die Zustände, Haltungen, Inhalte, Blicke, auf die man heute gerne das Label der 68er klebt: der erste Drogenrausch, Sit-ins, politische Diskussionen, die Liebe und ihr Scheitern, Trampen, Partys, ein paar junge Leute, ein Sommertag, eine Gitarre.

"Après Mai" - nach dem Mai - heißt Olivier Assayas' Film im Original. Und dieser Titel erfasst viel besser das unbestimmte, offene Lebensgefühl der frühen 70er-Jahre. Die großen Hoffnungen und Versprechen des Mai 1968 haben sich nicht erfüllt, die Begeisterung ebbt ab, die Einen wenden sich dem Establishment zu, die radikaleren Elemente werden bald in den Untergrund gehen.

Jeder muss seinen Weg allein finden

In dieser Zeit erlebte der 1955 geborene Regisseur Olivier Assayas seine Jugend. Und wie bei seinen Helden kristallisierte sich auch bei ihm in jenen Jahren die Entscheidung heraus, Künstler zu werden, zunächst noch hin und her gerissen zwischen Malerei und Film. In der Szene, in der sich Gilles, der Held, gegen die literarischen Vorlieben seines Vaters auflehnt, spürt man jedenfalls genau, dass Assayas weiß, wovon er erzählt.

Szene aus dem Film "Die Wilde Zeit" © NFP/Carole Bethuel Detailansicht des Bildes Gilles folgt seiner Leidenschaft: dem Malen. Und doch stellt sich die Frage, was seine Berufung ist: Künstler oder Regisseur? Mit großer Leichtigkeit und einer fast schwebenden Filmsprache entwickelt sich "Die wilde Zeit" zu einem Bildungsroman. Gilles muss seinen eigenen Weg finden. Wenn er seiner Berufung als Künstler folgen will, muss er sich von seinen politisierten Kameraden entfernen. Zu dieser Entwicklung gehört auch die Erkenntnis, dass manche Menschen aus dem Chaos der Selbstentwürfe und Lebensgefühle nicht unbeschadet hervorgehen - etwa Gilles' große Liebe Laura, die er auf einer Party als Drogenabhängige wiedersieht.

Bildungsroman, aber kein belehrender Rückblick

"Die wilde Zeit" kommt nach der großen Welle der 68er-Filme ins Kino und vielleicht genau deshalb zur rechten Zeit. Denn Assayas' Film ist keine Abrechnung, kein belehrender Rückblick, keine Verklärung. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, einer Jugend dieser Zeit. Und gerade weil dieser Film nicht behauptet, zu wissen wie es war, hat man das Gefühl zu verstehen, wie es gewesen sein könnte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 30.05.2013 | 07:20 Uhr

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Filmdaten

Die wilde Zeit

Drama
Frankreich 2012
Regie und Drehbuch: Olivier Assayas
FSK: ab 12 Jahre

mit:
Clément Métayer,
Lola Créton,
Felix Armand

Kinostart: 30. Mai 2013

Link

Die offizielle Website zum Film.

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