Die andere Heimat

von Krischan Koch

Die monumentale "Heimat"-Serie von Edgar Reitz und ihre beiden Fortsetzungs-Reihen waren Meilensteine der deutschen Fernsehgeschichte. In rund 60 Stunden ist Reitz einer Familie aus dem fiktiven kleinen Hunsrückdorf Schabbach durch das gesamte 20. Jahrhundert gefolgt - durch Nazidiktatur, Studentenbewegung und deutsche Wiedervereinigung. Jetzt blendet Edgar Reitz mit dem vierstündigen Kinofilm "Die andere Heimat" weit in die Vergangenheit zurück.

Schabbach 1843. Die Bewohner aus dem kargen Hunsrück haben unter Hungersnöten, Armut und Willkürherrschaft zu leiden. Der Dorfschmied Simon hat sein bescheidenes Auskommen. Sein Sohn Jakob träumt sich aus der tristen Realität ins ferne Paradies nach Südamerika.  

Spannende Erzählung

In einem großen erzählerischen Bogen, der auch über vier Stunden nie an Spannung verliert, schildert Edgar Reitz die Geschichte der Familie Simon. Er erzählt von erster Liebe, von Geburt und Tod. In gestochen scharfen Schwarzweißbildern zeigt Reitz die Mühsal des ländlichen Alltags, der von Missernten, Kindstod und sozialer Ungerechtigkeit geprägt ist.

Aber es gibt auch glückliche Momente. In einer wunderschönen Szene toben die beiden Mädchen Jettchen und Florinchen in pubertärer Ausgelassenheit nackt durch ein sommerliches Kornfeld.  

In Momenten der Hoffnung bekommt das schwarzweiße Bild Farbtupfer. Das Getreidefeld ist von Kornblumen blau gepunktet oder auf der Mosel hissen revolutionäre Studenten die schwarzrotgoldene Fahne. Jakob (wunderbar gespielt von dem Laienschauspieler Jan Dieter Schneider) zeigt seiner Jugendliebe Jette einen golden leuchtenden Bergkristall und erzählt ihr von den Indianern.

Filmbilder wie gemalt

Edgar Reitz' Kameramann Gernot Roll gelingen berückend schöne Bilder, bäuerliche Landschaftstableaus wie aus der Malerei des Realismus im 19. Jahrhundert. Alles wirkt echt, der Dreck, die Dorffeste, die erste Dampfmaschine, die Kleidungsstoffe und die meterhohen alten Getreidesorten, die Reitz extra anbauen ließ. Dabei geht es gar nicht um Detailgenauigkeit, die Bilder entfalten vielmehr eine eigene Magie. "Die Chronik einer Sehnsucht" heißt der Film im Untertitel.

Weitere Informationen
Edgar Reitz © picture alliance / Geisler-Fotopress Fotograf: Dave Bedrosian
 

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Die Einen gehen, andere bleiben

Die Menschen in Schabbach suchen die Möglichkeit, ihrer täglichen Überlebensnot zu entkommen. Und ihre Sehnsucht sagt ihnen: Auf nach Amerika! "Es ist des Menschen Natur, Abschied zu nehmen", schreibt Jakob in sein Tagebuch. Doch stattdessen tritt ein anderer die lange Seereise nach Brasilien an. Der ewige Träumer bleibt zuhause, um bei der sterbenden Mutter zu sein und lernt weiter Indianer-Dialekte.

Am Ende kommt die große neue Welt nach Schabbach in Gestalt des Forschungsreisenden Wilhelm von Humboldt. Schabbach und die Welt, Wirklichkeit und Utopie haben für einen Moment zusammengefunden. Ein grandioser Abschluss von Edgar Reitz Heimat-Projekt. Ein deutsches Kinoereignis.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 01.10.2013 | 06:40 Uhr

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Filmdaten

Die andere Heimat

Deutschland/Frankreich 2013
Regie: Edgar Reitz
Mit Maximilian Scheidt, Jan Schneider, Antonia Bill und anderen
Länge: 230 Min.
FSK: ab 6 Jahre

ab 3. Oktober im Kino

Links

Die offizielle Website zum Kinofilm von Edgar Reitz.

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Links

Offizielle Internetpräsenz des Regisseurs.

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Rückblick

Die Website der letzten Heimat-Serie von Edgar Reitz im Ersten.

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