Aus der Sicht eines Hobbits
Zum 120. Geburtstag von J.R.R. Tolkien moderierte NDR Kultur-Moderator Philipp Schmid einmal aus der Hobbit-Perspektive.
Bildergalerie startenPeter Jacksons "Herr der Ringe"-Trilogie war ein Welterfolg, ein Meilenstein der Fantasy-Filmgeschichte. Und dieser Erfolg soll jetzt mit dem literarischen Vorläufer wiederholt werden. 1937, fast 20 Jahre vor "Herr der Ringe", schrieb J.R.R. Tolkien die kleine Vorgeschichte "Der Hobbit". Dieses nur rund dreihundert Seiten starke Buch wurde von Peter Jackson, wie zuvor schon die immerhin 1.300 Seiten des "Herr der Ringe", zu einer Trilogie ausgeweitet. Allein der erste Teil, der diese Woche in die Kinos kommt, ist gut zweieinhalb Stunden lang.
Mit 13 Zwergen taucht der Zauberer Gandalf in der Haushöhle des Hobbits Bilbo auf und bittet ihn um Hilfe beim Kampf gegen den Drachen Smaug. Aufregung? Abenteuer?
Dabei liegt es im Wesen der plattfüßigen Hobbits, eher gemächlich und gemütlich zu leben, sechs Mahlzeiten am Tag einzunehmen und zwischendurch im Ohrensessel einzunicken. In "Herr der Ringe" war es der junge Hobbit Frodo, der die Welt schließlich rettet. In "Der Hobbit" wird jetzt die Geschichte seines Onkels Bilbo erzählt. Der Aufforderung, in den Kampf gegen den Drachen zu ziehen, steht Bilbo naturgemäß skeptisch gegenüber. Und der Arbeitsvertrag, den er von dem Zauberer Gandalf und dessen Genossen überreicht bekommt, verheißt - nichts Gutes: "Gewinnbeteiligung? Risiko der Verbrennung!"
Der kleine Hobbit wird seine Angst überwinden und über sich hinauswachsen, so ist das in klassischen Heldengeschichten.
Bilbo ist der rührende Tolpatsch, der liebenswerte Niemand, der durch die Herausforderungen eines großen Abenteuers zum heroischen Jemand wird. Auch Peter Jacksons Verfilmung von "Der Hobbit" spielt in dem mythischen Land Mittelerde, auch hier gibt es den goldenen Ring, der Macht und Bedrohung zugleich ist. Und so machen sich Bilbo, Gandalf und die 13 Zwerge auf, durch Nebelgebirge und den Düsterwald, sie trotzen grausamen Trollen, den widerwärtigen Orks und riesigen Wolfshunden. Sie speisen mit den elfenhaften Elben im Elbenland und plaudern über magische Schwerter.
"Der Hobbit" leidet unübersehbar unter einer großen dramaturgischen Schwäche: Da Peter Jackson das 300-Seiten-Buch zu einer großen Trilogie aufbläst, fehlt seiner Geschichte die dramaturgische Wucht und seinen Figuren die Charaktertiefe.
In "Herr der Ringe" konnten vier Hobbits zu ausgereiften, profilierten Wesen werden. Mit Slapstickeinlagen und kleinen Witzen sorgten sie für eine andere Tonlage innerhalb der 1.300 Seiten langen martialischen Großerzählung.
In "Der Hobbit" muss Jackson nun Figuren und Handlungsstränge hinzuerfinden, um das Büchlein zur Trilogie auszuweiten. Er schaufelt seinen zweieinhalbstündigen ersten Teil mit Kampfszenen und immer neuen Verfolgungsjagden voll. Geradezu erleichtert ist man, wenn der Film einmal zur Ruhe kommt. Etwa wenn Bilbo in einer riesigen Höhle dem so verschlagenen wie hungrigen gnomhaften Wesen Gollum begegnet.
Obwohl sein Film zu lang und zu inhaltsarm ist: Peter Jackson hat sich nicht lumpen lassen.
Fantastisch ist die Fülle der Details: Liebevoll ausgestaltet sind die verwunschenen Wälder und Märchenwelten, in denen man seltsamen Rennhasen und zwergenfressenden Feinschmeckertrollen begegnet. Auch die Flucht der Helden aus den riesigen Orkhöhlen lässt den Zuschauer im Kinosessel mit zittern: Durch das neue 3D-Aufnahmeverfahren HFR, bei dem statt wie bisher 24 nun 48 Bilder pro Sekunde die Leinwand erfüllen, werden solche akrobatisch ausgefeilten Szenen zu hochlebendigen, brillianten Großgemälden.
Erhöhte Bildgeschwindigkeit hin oder her: Es hätte Jacksons "Der Hobbit" nicht geschadet, wenn eine beherzte Cutterin eine Dreiviertelstunde herausgeschnitten hätte. Das jugendliche Zielpublikum wird die Länge und Langatmigkeit wohl nicht weiter stören. Und eines ist klar: "Der Hobbit" ist auch eine große Schlacht des Kinos für das Kino. Wenn am Ende des Films gigantische Adler mit majestätischen Flügelschlägen das Bild füllen, ertappt man sich bei dem Gedanken, den eigenen DVD-Player in die Tiefen einer Ork-Höhle zu schmeißen.
Erste Klasse
Der Film hat mich begeistert. Er ist sehr viel näher am Buch als Herr der Ringe, die Figuren haben mehr Leben in sich und sind nicht so Stereotyp (Hollywood-angepasst) wie in HdR. Zudem werden... [mehr]