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Traumatische Kindheitserlebnisse - da werden uns die Bösewichter gleich sympathischer. Immerhin haben Addison und Liza zu diesem Zeitpunkt schon einiges an krimineller Energie gezeigt. Es gehört zu den erzählerischen Kunstgriffen von Stephan Ruzowitzkys Thriller "Cold Blood", dass man hier manches nicht sieht, sondern durch die Erzählungen anderer erfährt. Etwa den durch den Bericht der jungen Provinzpolizistin Hanna, die mit ihrem Vater eine befreundete Familie in einem verschneiten Haus besucht. "Was genau führt dich hierher? ... "Ein Polizist wurde erschossen." (Filmzitat)
Addison und Liza, gespielt von Eric Bana und Olivia Wilde, versuchen sich nach dem Unfall durch die winterliche Wildnis von Michigan zu schlagen. Zwei verlorene Kinder, die zu viel angestellt haben, und die sich gerne aneinander klammern würden - wäre da nicht das Fahndungsraster der Polizei, das nach zwei Tätern sucht.
Ob in seinem Bauerndrama "Die Siebtelbauern", in den "Anatomie"-Filmen oder in seinem oscargekrönten KZ-Film "Die Fälscher" - eigentlich ist der österreichische Regisseur Stephan Ruzowitzky ein Mann der Details.
Dem Drehbuch von "Cold Blood" merkt man jedoch an, dass Ruzowitzky nicht der Autor ist. Zu sehr knirscht die Mechanik, zu weit klaffen die logischen Brüche, zu viele wandelnde Klischees des Thrillers sind hier ohne jede Ironie unterwegs.
Vor allem aber mag sich hier kein Gefühl für die winterliche Eiseskälte von Michigan einstellen, die noch von einem Blizzard verstärkt wird. Wenn Addison, der kriminelle Bruder, endlos mit einem erbeuteten Schneemobil unterwegs ist, trägt er trotz 15 Grad Minus keine Handschuhe. Bei seiner derangierten verzweifelten Schwester wiederum sitzt das Make Up auch im Eiseswind perfekt.
Solche realistischen Details mögen in einem amerikanischen Unterhaltungsfilm nicht wichtig sein, zu sehr auffallen sollten sie aber auch nicht. Auf der anderen Seite wiederum traut sich Ruzowitzky, seinen harten Gangsterthriller mit einer wunderbar überhöhten Liebesgeschichte zu versehen. Als die Anhalterin Liza im Auto des gerade aus dem Gefängnis entlassenen Boxers Jay mitgenommen wird, sind die Dialoge genauso aufgeladen, wie die Blicke, die sich die beiden zuwerfen.
Auf verschiedenen Wegen kommt das Geschwisterpaar wieder zusammen, im Haus von Jays Eltern: Sissy Spacek und Kris Kristofferson spielen diese beiden einsamen Uramerikaner, die ein wenig bitter geworden und verschrumpelt sind, so wie Äpfel, die zu lange im Keller gelagert wurden. Und hier, vor dem Thanksgiving-Essen mit Truthahn und Kürbis, nimmt "Coold Blood" noch einmal richtig Fahrt auf.
Es sind weniger die Verfolgungsjagden auf Schneemobilen und letztlich auch nicht die Schießereien, die "Cold Blood" Spannung verleihen. Es sind vielmehr die familiären Konflikte im Hintergrund dieses Schnee-Western oder Eis-Thrillers. Ruzowitzkys Film handelt von misshandelten Geschwistern, von einer weiblichen Polizistin, die gegen ihren patriarchalischen Vater rebelliert, von einem Vater, der vom Betrug seines Sohnes im Boxring enttäuscht ist. Dass hinter all der Gewalt die Gewalt der Familie lauert, ist die erhellende und sehr amerikanische Quintessenz dieses auf den zweiten Blick ziemlich ungewöhnlichen Films.