Leo Tolstoi
Stichtag 20. November 1910: Der Todestag des russischen Schrifstellers Leo Tolstoi
Audiobeitrag starten (15:00 min)Es gibt Literatur-Klassiker, die wurden schon so oft verfilmt, dass man meint: Dazu kann einem Regisseur nichts Neues mehr einfallen! "Anna Karenina" von Leo Tolstoi ist so ein Fall. Zig Verfilmungen dieser großen Liebestragödie gibt es schon, mit Stars wie Greta Garbo oder Sophie Marceau in der Hauptrolle.
Nun kommt tatsächlich noch einmal eine neue ins Kino, vom britischen Regisseur Joe Wright. Und siehe da: Dem Mann ist noch etwas eingefallen für seine "Anna Karenina".
Diese Liebesgeschichte geht so schlecht aus, wie sie nur ausgehen kann: Eine Frau verliebt sich, begeht Ehebruch, wird gesellschaftlich geächtet, läuft Gefahr, ihren kleinen Sohn entzogen zu bekommen - und wirft sich vor einen Zug. Und da man das Ende kennt, kommt es umso mehr darauf an, WIE diese Geschichte erzählt wird. Joe Wright, der Regisseur von "Anna Karenina" tut alles daran, in seiner Tolstoi-Verfilmung nicht die Anmutung eines Kostümschinkens aufkommen zu lassen.
Den Beginn seines Films lässt er in einem Theater spielen, man sieht Kulissen, mit dem Textbuch probende Schauspieler. Er inszeniert Räume, die wie Bühnenbilder wirken und spielt wagemutig mit Distanz und Künstlichkeit. Der Zug, mit dem die junge Anna Karenina, Frau des Staatsbeamten Karenin, nach Moskau fährt, stampft durch eine verschneite Puderzuckerlandschaft. Er sieht aus wie eine Spielzeugeisenbahn. Noch hat Anna keine Ahnung, dass die Frau, die ihr im luxuriösen Abteil freizügige Ansichten eröffnet, die Gräfin Wronskaja, die Mutter ihres zukünftigen Geliebten ist.
Das alte Russland um 1870, das Zarenreich. Eine Aristokratie, die sich zwischen Moskau und Sankt Petersburg auf Bällen vergnügt, über Verlobungen und Affären klatscht. Es ist eine Welt, in der jeder seinen Platz hat, so wie Anna Karenina, Schwester eines Fürsten und Ehefrau des steifen Staatsbeamten Karenin. Dass die Rolle der Frauen in dieser Feudalgesellschaft eine ganz andere ist, als die der Männer, formuliert ihr Bruder egoistisch, aber entwaffnend offen: "Es ist so ungerecht. Du heiratest aus Liebe... und urplötzlich ist deine Frau alt und müde."
Keira Knightley spielt Anna Karenina, die Frau, die den ihr zugewiesenen Platz für eine Affäre verlassen wird. Aaron Taylor-Johnson ist Wronski, der ihr verfallen ist, der seine soldatische Karriere und seinen Ruf aufs Spiel setzt. Knightley und Taylor-Johnson - damit ist die große Schwachstelle dieses Films auch schon benannt. Ein superdünnes Schneewittchen und ein blondgelocktes Jüngelchen mit Kirschmund. Und diese beiden wollen das Paar sein, das sich vor Leidenschaft verzehrt?
Auch wenn es zwischen diesen beiden Hauptdarstellern weder funkt noch knistert. Auch wenn die Liebesszenen einstudiert und leidenschaftslos wirken - es gibt immer noch Jude Law in der Rolle des Karenin: Auf anrührende Weise trägt der Betrogene seine stille Verzweiflung durch die immer zu groß, zu kalt und zu zugig wirkenden Räume seines Anwesens.
Und auch Joe Wrights Inszenierungslust wiegt einiges auf. Etwa wenn er eine russische Wiese auf seine Theaterbühne zaubert. Oder wenn sich bei einem Pferderennen das Geräusch von Annas nervös geschlagenem Fächer in das von galoppierenden Pferden verwandelt.
"Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich." So lautet der berühmte Anfangssatz von Leo Tolstois Roman, der nun zum 25. Mal auf die Leinwand gebracht wurde. Auch wenn Joe Wrights Film nicht durchweg überzeugt, gelingt es ihm doch eine gegenwärtige Form für das zeitlose Unglück der Anna Karenina zu finden.