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Eigentlich ist Çamburnu ein Paradies. 2.000 Leute leben in diesem Dorf an der Schwarzmeerküste, umgeben von Teefeldern und Obstbäumen. In Wirklichkeit ist es inzwischen die Hölle. Denn gleich neben den Obstbäumen liegt die größte Müllkippe der Region. Es stinkt bestialisch. Die Betreiber der Halde versprühen Parfüm über der ehemaligen Kupfermine. Nutzlos. Sondermüll und Chemikalien verseuchen das Trinkwasser, Plastik verteilt sich in der Natur, und die Ernte der Bauern wird durch die Kontaminierung der Böden vernichtet.
Çamburnu hat einen prominenten Anwalt: den deutsch-türkischen Regisseur Fatih Akin. Sein Großvater stammt von hier. "Ich bin eigentlich auf diesen Film gestoßen, als ich an einem ganz anderen Film gearbeitet habe", erzählt er. "Die Bewohner haben mir gleich von dem Problem erzählt, das sie mit der Mülldeponie haben. Dass der Staat hier eine illegale Mülldeponie errichten will. Und als ein seiner Umwelt verantwortungsbewusster und auch medienwirksamer Mensch dachte ich: Vielleicht kann ich den Leuten hier helfen."
Akin kam, sah und drehte - vier Jahre lang. Er lud Politiker und Umweltaktivisten ein, um international auf diesen Missstand aufmerksam zu machen. Und er dokumentierte akribisch den Kampf der Bewohner gegen den Bau der Müllkippe, ihr Scheitern und die Auswirkungen auf die Umwelt. Ein ganzes Ökosystem verändert sich da. Gigantische Vogelschwärme zieht die Kippe an, die zur Plage werden, gerade für die Teebauern. "Ich muss mein Zuhause verlassen", erzählt einer. "Hier kann man nicht bleiben. Wie sollen wir unseren Tee ernten? Die Vögel kommen und kacken drauf. Was sollen wir mit dem vollgeschissenen Tee anfangen?"
Es kommt noch schlimmer. Denn die Mülldeponie ist eine einzige Fehlkonstruktion. "Es ist schon kafkaesk, die Dinge, die da im Film passieren", sagt Akin. "Da regnet es, und man weiß vorher, dass es regnet oder man sollte es doch wissen, wenn man so eine Deponie baut. Und Laien sagen voraus: 'Pass auf, das ist ein Regengebiet, und wenn’s hier regnet, wird der Müll überschwappen, über diese Kuhle.' Und alle: 'Haha, hoho, das wird nie passieren. Wir haben Rohre, die das auffangen.' Und dann passiert genau das. Und wenn man sie zur Rede stellt, sagen sie: 'Der Regen hat schuld.'"
Vor gut zehn Jahren, bevor die Mülldeponie in Çamburnu ihren Betrieb aufnahm, wurde der Hausmüll noch einfach ins Meer gekippt. Eine Katastrophe für das Meer, eine Katastrophe für Fischer und Bewohner. "Es gab ein Müllproblem. Die regierende Partei, die AKP, die ja bekannt ist für schnelle Lösungen, hat sich gesagt: 'Wir nehmen den Müll einfach hier weg, wo ihn jeder sieht und packen ihn da oben hin, wo ihn nur ganz wenig Leute sehen.' Und somit sichern sie sich die Wählerstimmen von der ganzen östlichen Schwarzmeerregion. Wir reden hier von einer Million Stimmen, die dann sagen: 'Ja, die AKP hat das Müllproblem gelöst.' Und die 2.000 Leute da oben haben einfach keine Stimme, das ist ein Bauernopfer, das ist Politik", kritisiert Akin.
Chronik einer angekündigten Katastrophe: Auch die deponieeigene Kläranlage, die das Müllwasser filtern soll, ist eine billige Fehlkonstruktion. Die Außenwand klappt einfach um, das Gift breitet sich ungehindert aus. Spätestens jetzt ist man als Zuschauer von Akins Film fassungslos. "Ich war überall in der Türkei und habe Presse, Presse, Presse gemacht, aber es hat leider nicht viel genützt", sagt der Regisseur. "Ich dachte, dass es ein Ort ist, für den es sich lohnt zu kämpfen. Ich kann auch ein Verständnis aufbringen, wenn der Film nicht gesehen wird, weil er eben von Müll handelt. Was ist Müll? Müll ist der Kot der Gesellschaft. Müll ist Scheiße. Wer will schon einen Film über Scheiße sehen?"
Als politischer Aktivist, der Unrecht verhindern wollte, ist Fatih Akin gescheitert. Als Filmemacher, der die Folgen rücksichtslosester Umweltpolitik zeigt, nicht.
Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist (B. Gorion)
Herrn Akin wünsche ich für sein Vorhaben viel Erfolg; in einem diktatorischen Staat, der mit dieser Einstellung Mitglied der EU werden will und das hoffentlich nie sein wird, ein vermutlich... [mehr]