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Der 1948 in London geborene Colin Towns gehört zu den eigenwilligsten und kreativsten Bigband-Komponisten und Arrangeuren Europas. Er hat einem Genre, bei dem viele immer noch zuerst an die Orchester von Duke Ellington oder Glen Miller denken, frischen Atem eingeblasen, es von allen Schlacken befreit, auf Hochglanz poliert und zu unerhörten Klängen getrieben.
Seine Arrangements gefielen auch dem NDR so gut, dass er ihm den Auftrag gab, zum 100. Geburtstag von Kurt Weill ein Programm zusammenzustellen. Seitdem ist Towns in Hamburg ein gern gesehener Gast. Das beruht auf Gegenseitigkeit: "Die NDR Bigband hat eine Menge Solisten, und das gefällt mir, und ich arbeite mit ihnen deswegen so gut zusammen, weil - vielleicht ist es falsch, das zu sagen - sie wie ein Tier sind. Ich liebe Extreme. Wenn man Energie besitzt, dann soll man sie nutzen, nicht damit herumpfuschen. Es ist egal, ob eine falsche Note auftaucht, es steckt Energie drin, und die soll man hervorlocken; und wenn die ganze Band danach strebt, dann ergibt das eine ganz besondere Atmosphäre."
Das Klavierspielen beherrschte Towns mit 13 bereits so gut, dass er als Keyboarder für Pop- und Rockgruppen spielte, auch wenn er persönlich mehr auf Jazz stand, ein Miles Davis-Fan war. Die Tingelei brachte aber zu wenig ein, um eine Familie zu ernähren. So arbeitete er zehn Jahre lang tagsüber in einem Schifffahrtsbüro, bevor er nachts auf die Bühne stieg. Den Job konnte er an den Nagel hängen, als ihn der ehemalige Deep Purple-Sänger Ian Gillian als Keyboarder für seine Band anheuerte.
Damit war zwar 1983 Schluss, aber als Komponist für Werbespots, Fernseh- und Kinofilme verdiente er so viel Geld, dass er sich Anfang der 90er-Jahre den alten Traum, eine Jazz-Bigband zu gründen, verwirklichen konnte. Inzwischen hat er ein halbe Dutzend Platten mit "The Mask" eingespielt und mit zahlreichen anderen Bigbands zusammengearbeitet.
Nicht unbedingt beim ersten Hören zu erkennen ist John Lennons "Mr. Kite"-Song in der Version von Towns. Da jeder die Stücke des Beatles kennt, ist das schon ein Wagnis. Doch gerade das hat den Arrangeur gelockt: "Er hat ganz verschiedene Botschaften rübergebracht. Das reicht von Nonsens über politische Überzeugungen bis hin zum Theater. Er hat sich geistig in alle möglichen Richtungen aufgemacht. Ich fand das musikalisch attraktiv, denn damit hatte ich die Chance, daraus etwas zu machen. Ich schmiss erst einmal die Akkorde weg, dann stößt man möglicherweise auf den tatsächlichen Kern des Songs und bei Lennon war das Ergebnis faszinierend, weil ich Dinge mag, die Kanten haben."
Colin Towns
Towns hat sich einige der bekanntesten Lennon-Songs wie "Revolution", "Strawberry Fields", "Give Peace a Chance" oder "Imagine" vorgenommen und sie in ganz neue Hörerlebnisse verwandelt. "John Lennon war authentisch", sagt Towns. "Ich dachte mir, was auch immer ich unternehme, wenn es ebenfalls authentisch ist, dann ist das in Ordnung. Es wird nie allen gefallen. Es ist ein bisschen so, als ob man Niemandsland erkundet."
Die zwei CDs mit mehr als zwei Stunden Musik bieten jede Menge Überraschungen. Verblüffende Tempiwechsel, abrupte Breaks, unerwartete Soli - den Musikern verlangt Towns eine Menge ab, insbesondere den Solisten, denen er aber auch viel Freiraum für Improvisationen lässt. Das zahlt sich aus. So lebendig war Lennons Musik schon lange nicht mehr.

Colin Towns und NDR Bigband