Wer Musiker wie Stefan Gwildis, Joshua Redman oder Jamie Cullum erleben will, darf erst einmal übersetzen. Mit dem All-Inclusive-Bändchen am Handgelenk geht's vom Fischmarkt zur Rush-hour im Viertelstundentakt auf die Elbinsel hinüber.
Hanseatisches Understatement selbst noch auf den Plakaten: Nicht 50, sondern alles in allem gut 80 Konzerte hat das Festival zu bieten.
"Klein Erna" hat Stefan auf dem Gewissen: Eine "festivalfremde" Barkasse lümmelt am Anleger und verursacht einen Barkassenstau. Wer Stefan Gwildis mit der NDR Bigband wenigstens noch mitbekommen wollte, hat an Bord der bald eine halbe Stunde wartenden anderen Barkassen Pech gehabt.
Auf dem Werftgelände ist bei dem meist gigantischen Umfeld Orientierung gefragt - doch dafür wird alles getan.
"Tin Men And The Telephone" persiflieren mit ihrer Performance die alltäglichen Störungen durch Telefone. Die Collage aus bekannten Klängen und Geräuschen, virtuosem, teils freiem Zusammenspiel, gewürzt mit Videoclips und eben "Störgeräuschen" ist mutig und spannend, weil in jeder Phase unvorhersehbar.
Das Publikum in der Maschinenbauhalle lauscht neugierig, konzentriert - und begeistert dem Trio. Ein besseres Auditorium kann man sich als Musiker nicht wünschen - Respekt!
Qual der Wahl: die Entscheidung zwischen Verweilen und Entdecken - bei dem umfassenden Programm zweifellos eine schwere!
Fusion-Jazz mit einer gehörigen Portion Ethno-Sounds und treibenden Beats machen die Musik von "Jason Lindner Now vs. Now" aus, die auf der Bühne "Am Helgen" aufspielen.
Von der Hauptbühne übt eine Mischung aus R&B, Soul, Funk und Blues "at its best" eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Wer steht da vorne?
Mit unglaublicher Power in der Stimme vermag die Französin Nina Attal Massen zu beschleunigen, auch beim Publikum. Und selbst eingefleischte Jazzer können die Hüften nicht stillhalten.
Beinahe noch sensationeller ist es, wenn die Sängerin zur Gitarre greift - und man hört in Soli die Altmeister des Blues als Inspirationsgeber heraus. Wenn man dann bisweilen auch an den guten alten Zappa erinnert wird, verblüfft das einmal mehr.
Mit den Ohren kaum zu glauben ist, dass Nina Attal gerade erst die 20 überschritten hat. Man fragt sich zurecht: Wo nimmt sie das Gespür für den Blues her? Wann hat sie angefangen damit?
Die Leichtigkeit und Souveränität der Protagonistin ist beeindruckend, die Spielfreude der Band nicht minder. Von diesen Musikern wird noch Großes zu erwarten sein!
Szenenwechsel: "Dunkelkammermusik" bietet eine Mischung aus Hip Hop und Jazz, durchsetzt mit deutschem Rapp, bei dem einem die Massage in hohem Tempo um die Ohren fliegt, um im nächsten Moment wieder lyrisch sanft zu versöhnen. Ungewöhnliche Besetzung: mit Keyboards, Geige, Cello, Schlagzeug, Florian Weber am Piano und "Herrn Sorge" am Handmikrofon. Die Maschinenbauhalle ist mit 1.500 Menschen voll besetzt.
Das Marius Neset Quartet kommt aus Norwegen auf die Bühne "Am Helgen" und überrascht mit einer Menge Strait-Ahead-Jazz - aber eben weit gefasst.
Man meint, Standards zu entdecken, doch es sind meist Kompositionen des begnadeten Saxofonisten Marius Neset. Nicht minder virtuos sind freilich auch die Mitstreiter Petter Eldh am Bass, Gard Nielssen, Drums, und Ivo Naeme am Piano.
Wo Jazz draufsteht ist Jazz drin - wie hier direkt neben der Hauptbühne zumindest im Übertragenen.
Er ist ein Temperament- und Energie-Bündel - und lebt sichtbar die Musik, die er singt und spielt. Jamie Cullum ist ein Phänomen.
Praktisch alle Mitglieder der Band sind Multi-Instrumentalisten: Der Gitarrist Rory Simmons singt, spielt Trompete und Percussion.
Seit gut drei Jahren ist Brad Webb bei Jamie Cullum für die Rhythmusarbeit an den Kesseln zuständig. Beeindruckend ist sein differenziertes Spiel, ganz gleich ob mit Sticks, Besen oder den Händen.
Den Flügel als Aussichtsplattform zu benutzen, drückt im Sinne von J.C. aus: Hey, er taugt auch dafür!
Mit dem Programm des Konzerts spannt Cullum einen weiten Bogen, von frühen Titeln wie "Twentysomething" über etliche Hits aus "The Pursuit" bis hin zur gerade erschienenen CD "Momentum" und eben besonders live reizvollen Titeln wie "Love For $ale" oder "You're Not The Only One".
"Please don't stop the music!" singt er und das denkt auch das ganze Publikum. Wo er hier sonst improvisierend auch schon Mal Michael Jackson mit "Wanna Be Startin' Somethin'" durchklingen lässt, macht er in Hamburg Rihanna mit Zeilen von "Diamonds" die Aufwartung. Jacko hat den Titel geschrieben, Rihana für Disco interpretiert.
Und dann gesteht Jamie, dass er nicht 15 ist, wie anscheinend viele glauben mögen, sondern 33 - REALLY 33! - Hinter mir ruft eine vielleicht 20-Jährige: "Macht nix! Ich nehm' dich trotzdem!" Und ich frage mich, wieso ich eigentlich damals nicht Klavier gelernt habe ...
Jazz macht hungrig auf mehr - aber nicht nur für die Ohren: Auch die kulinarische Vielfalt kann sich sehen lassen.
Mit Klängen von schier unendlicher Weite vermag das Nils Petter Molvaer Trio die Maschinenbauhalle zu füllen. Man ist erinnert an Terje Rypdal oder Jon Hassell - er hat Molvaer lange inspiriert. Als alternativer Ort für solche Musik anstelle einer Werfthalle scheint bestensfalls ein riesiger norwegischer Fjord angemessen.
Die elektronischen Percussion-Fills von Audun Kleive sind archaisch, haben unglaubliche Tiefe und könnten auch aus gesampleten Werftgeräuschen entstanden sein - jedenfalls interagieren sie mit der Halle, so scheint's - ganz so, als wären sie wieder zu Hause angekommen.
Selbst noch um 1 Uhr in der Früh hat das Trio die Zuhörer in der Halle erst verzaubert und dann begeistert.
Ein musikalisch heißer - aber vom Wetter kühler und zum Glück trockener erster Festivaltag neigt sich dem Ende zu.
Nachtschwärmer, die zur späten Stunde noch rasch in der Fischauktionshalle 'reinschauen, erleben eine Überraschung: Das Duo Nils Frahm und Pascal Schumacher, Piano und E-Piano einerseits und Vibrafon andererseits, fesseln mit inneinanderfließenden Klangstrukturen, teils wabernd, teils lyrisch - mit hohem Improvisationsanteil. Wer kommt, bleibt, und kann sich der schon fast hypnotischen Musik nicht entziehen. Text: Wolf-Rüdiger Leister