NDR Bigband - NDR Jazz
Ihr direkter Draht zur Jazzredaktion und zur NDR Bigband. mehr
Von Michael Laages
"Die Kunst des Trios" ist bei BMC erschienen.
Immer ein anderer sein
Zurückhaltend in eigener Sache, bescheiden gar wirken Musiker aus Deutschlands kreativster Jazz-Szene ja selten; wer in Köln und darüber hinaus Erfolg hat, protzt gern mal im Posaunen-Ton; ganz wie im Karneval. Nun stammt allerdings der Pianist Hans Lüdemann gar nicht vom Rhein, er lebt und arbeitet dort nur seit 30 Jahren - aufgewachsen ist er und pianistisch erstausgebildet wurde er in Hamburg. Anfang der 80er Jahre aber war halt Kölns Musikhochschule die profundeste Talenteschmiede der Republik/West, und rund um die Ausbildung herum entstand dort ein dichtes, beispielhaft gut funktionierendes Netzwerk aus Spiel- und Produktionsstätten, mit der "Stadtgarten"-Bühne und dem "JazzHaus"-Label vorneweg. Und so zog es (nach ersten Ausflügen nach Kanada und in die USA) auch den jungen Musiker Lüdemann an den Rhein. Und in den Jahrzehnten seither ist dort in unterschiedlichsten Formationen ein beeindruckendes Werk entstanden.
Jetzt aber prunkt Hans Lüdemann wie nie zuvor: "Die Kunst des Trios" hat er ein fünf CD’s schweres Paket überschrieben; und da blinzelt für die Kundigen natürlich niemand Geringerer als Johann Sebastian Bach mit der 'Kunst der Fuge' um die Ecke. Aber das ist ja nur ein frecher Witz für Insider - Lüdemanns Trio-Kunst dokumentiert ein Projekt, das strategisch klug gedacht ist; und offenbar derart überzeugend wirkte, dass der Pianist für die Produktion die "Kunststiftung NRW" als Ko-Produzent gewinnen konnte. Denn ganz allein auf sich gestellt, hätte vermutlich kein Jazz-Label ein Fünferpack mit neuer, zeitgenössischer Musik gestemmt, auch und schon gar nicht die ungarische Musikproduktion des "Budapest Music Center". Für Groß-Projekte dieser Art muss ein Musiker doch sonst mindestens ein paar Jahre tot sein.
Im Klanglabor
Lüdemann hingegen ist quicklebendig - und die fünf verschiedenen Trio-Formationen, alle (und das macht den speziellen Charme der Idee aus) wie in einer Klanglabor aufgenommen am immer gleichen Ort, live im Kölner "Loft", und unter immer den gleichen Aufnahmebedingungen technischer und akustischer Art, vermessen eindrucksvoll den Horizont musikalischer Möglichkeiten, wie sie in dieser klassischen und unerhört intimen Jazz-Konstellation stecken. Mit den zurzeit gefragtesten Trio-Begleitern überhaupt, Robert Landfermann am Bass und Schlagzeuger Jonas Burgwinkel, eröffnet Lüdemann "Die Kunst des Trios", und "Nu Rism" ist eine klassisch-klug-moderne Trio-CD, die ohne Mühe auch allein bestehen kann. Auf CD 2 folgt das sicher speziellste Projekt - mit dem Kölner Urgestein Dieter Manderscheid am Bass und Schlagzeuger Christian Thomé hat der Pianist im "Hollywood Songbook" des in die USA emigrierten deutschen 30er-Jahre-Komponisten Hanns Eisler gewildert: einem Fundus unvergleichlich schöner Melodien, zugleich ganz unromantisch und sehr sentimental.
Dann folgt das "europäische" Trio - mit Bassist Sebastien Boisseau aus Frankreich und dem serbischstämmigen deutschen Schlagzeuger Dejan Terzic: "Rooms" heißt diese CD. Noch weiter aufs rhythmisch bewegte Meer hinaus führt dann "Rhythm Magic", mit dem afrikanischen Bassisten Linley Marthe und Schlagzeuger Chander Sardjoe aus Holland - Lüdemann selbst hat über die Jahre hinweg sehr intensiv die Musik-Kulturen im Westen Afrikas erkundet und reist auch immer wieder mit dem furiosen "Trio Ivoire". "Chiffre" schließlich markiert den sicherlich vertracktesten Beitrag zur "Kunst des Trios" - mit Lüdemann sind hier Henning Sieverts am Bass und Schlagzeuger Eric Schaefer im Einsatz. Komplettiert wird das CD-Paket mit einer Video-CD der "Rhythm Magic"- und "Chiffre"-Konzerte.
Plädoyer für das Gegenüber
So viel Reichtum auf einmal - und es gehört zu den animierendsten Herausforderungen dieser Begegnung der besonderen Art, in diesem Übermass an Vielfalt die ureigenen Qualitäten des Pianisten Lüdemann selber zu erkunden. Es ist jedoch schon faszinierend genug, dass ein profilierter Musiker zu so vielen verschiedenen Klang-Räumen "passt" - Lüdemann hält mit dieser "Kunst des Trios" ein vehementes Plädoyer für den Wert des partnerschaftlichen Gegenübers im Jazz, ob nun in ganz freier oder eher kompositorisch gebundener Kommunikation. Auch das gehört zum Zauber dieser Musik: dass wir immer wieder ein Anderer sind, wenn wir Anderen begegnen.
In diesem Monat kommt Hans Lüdemann übrigens in seine Heimatstadt Hamburg zurück - um mit der NDR Bigband ein eigenes Studio-Projekt zu kreieren. Wer "Die Kunst des Trios" hört, bekommt jedenfalls Lust auf noch mehr Lüdemann.

Hans Lüdemann