Stand: 17.06.2009 00:00 Uhr  | Archiv

Die Sülze-Unruhen in Hamburg

von Carina Werner

Die heutigen Lebensmittelskandale um Gammelfleisch, BSE und Co. haben einen gemeinsamen Vorläufer: Die Lebensmittelunruhen in Hamburg 1919, die als "Sülze-Unruhen" oder "Sülze-Aufstand" in die Geschichtsschreibung eingingen. Doch während die Verbraucher heute auf andere, weniger belastete Produkte ausweichen können, haben die hungernden Arbeiter im Nachkriegsjahr 1919 keine Wahl: Hochwertige Lebensmittel sind kaum erschwinglich - und Qualitätskontrollen finden praktisch nicht statt. Das schürt Misstrauen und Wut. Die Stimmung ist im Hamburger Frühsommer 1919 ohnehin erhitzt: Zwar gibt es seit März einen neuen Senat, doch die politischen Spannungen halten an, noch immer gibt es blutige Auseinandersetzungen vor allem zwischen den paramilitärischen Freikorps-Einheiten und den Kommunisten.

"Delikatess-Sülze" aus Katzen-Kadavern

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Fleisch- und Wurstwarenfabrik in der Weimarer Republik.

Am 23. Juni bringt eine Straßenpanne das Fass buchstäblich zum Überlaufen: Ein Fuhrmann lädt auf seinen Pferdewagen Fässer der Fleischwarenfabrik Heil & Co. Die Fabrik produziert "Heilsche Delikatess-Sülze", "Sülze von größtem Nährwert und delikatem Geschmack", wie die Werbeplakate verkünden. Bei dem Transport wird eines der Fässer beschädigt. Der Inhalt kippt auf die Straße - und einigen Arbeitern vor die Füße. Diese sind über die stinkende, "breiige, undefinierbare Masse" entsetzt. Sie dringen in die Fleischfabrik ein, um zu prüfen, was dort denn genau zu Sülze verarbeitet wird, und stoßen auf "Haufen von Fellen und Häuten", welche "mit einer dicken Schimmelschicht überzogen waren", wie es später in einem Gerichtsurteil heißt.

Volkszorn und Selbstjustiz

Immer mehr Menschen strömen zusammen. Sie rufen: "Wenn die Behörde uns nicht helfen kann, dann helfen wir uns selber!" Sie schleifen den Fabrikbesitzer Jacob Heil aus seinem Kontor, prügeln ihn nieder, bringen ihn zum Rathausmarkt und werfen ihn in die Alster. Schließlich wird der Fabrikant gerettet und von Wachmännern ins Rathaus gebracht. Die wütende Menge folgt ihnen und versucht, ins Rathaus zu gelangen. Kriminalinspektor Harder verspricht eine "strengste Untersuchung" des Falles und kann die Menschen fürs Erste beschwichtigen.

Die folgende Nacht verläuft ruhig. Doch am nächsten Morgen gibt es wieder Menschenaufläufe: nicht nur vor der Fleischwarenfabrik Heil & Co., sondern auch auf dem Rathausmarkt und vor dem Stadthaus. Wütende Massen schleifen die Angestellten von Heil & Co. durch die Stadt. Demonstranten stürmen weitere Fleischwarenfabriken und finden auch dort stinkende Kadaverabfälle. Sie verwüsten das Kriegsversorgungsamt, weil dieses, als zentrale Institution der Nahrungsmittelversorgung, die unhygienische Sülze-Produktion nicht verhindert hat.

Brodelnde Gerüchteküche

Was die Stimmung weiter anheizt, sind die zahllosen Gerüchte, die durch die Hamburger Innenstadt schwirren: Ob Marder-Kadaver oder ausgeweidete Ratten - alles hat angeblich irgendwer in den Fabriken entdeckt. Auch die Medien halten die Gerüchteküche auf Trab. Von "halb verarbeiteten Katzen, Hunden und Ratten" weiß etwa die "Hamburger Volkszeitung" zu berichten. Die Menschen werden immer zorniger, werfen die Fensterscheiben des Rathauses ein und versuchen, dieses zu erstürmen. Nur durch Einsatz von Tränengas, Wasserwerfern und Schreckschuss-Pistolen können sie zurückgedrängt werden.

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