Stand: 31.05.2016 08:10 Uhr

St. Pauli Theater feiert 175-jähriges Bestehen

von Henning Cordes

Vor 1879 tingelt der Schauspieler Ernst Drucker mit Komödiantentruppen von Engagement zu Engagement. Doch Drucker ist auf Zack, er arbeitet sich hoch und schon mit 23 Jahren hat er es zum Direktor eines anderen Hamburger Theaters gebracht. 1884 treibt Drucker 230.000 Mark auf und erwirbt kurzerhand das Varieté Theater.

Das Ernst Drucker Theater (heute St. Pauli Theater) am Spielbudenplatz, 1927.  © St. Pauli Theater Das St. Pauli Theater am Spielbudenplatz. © St. Pauli Theater Fotograf: Katharina Schultz
Als das St. Pauli Theater noch Ernst Drucker Theater hieß: 1927 im Vergleich mit der Gegenwart. Zum Bewegen des Schiebereglers bitte die linke Maustaste gedrückt halten oder mit dem Finger auf Smartphone/Tablet nach links und rechts wischen.

Sein neues Theater - das er schon bald in Ernst Drucker Theater umbenennt - steht auf einem Staatsgrundstück. Das war bisher kein Problem, doch die Polizei will darauf 1894 ein Verwaltungsgebäude bauen - einen Anbau an die Davidwache nebenan. Ernst Drucker ist nicht nur Theaterkenner, er ist vor allem ein talentierter Geschäftsmann, versteht es Leute zu beschnacken und wendet den Abriss ab, verpflichtet sich aber, das Haus umfassend zu renovieren. Es sind seine Umbauten, die das St. Pauli Theater bis heute prägen. Drucker stirbt 1918, ausgebrannt mit 62 Jahren.

Die Nazis drängen auf einen neuen Namen

Die Nationalsozialisten haben nichts gegen Druckers Theater: Dort werden Volksstücke gespielt, es gibt fast nie explizit politische Inszenierungen. Allerdings fällt 1941 im Rahmen der Feier zum 100. Jubiläum auf, dass der Namensgeber aus einer jüdischen Familie stammt. Den Nazis ist wichtig, dass der alte Name verschwindet. Noch am Abend der Feier präsentieren die Theatermacher einen neuen, möglichst unanstößigen Namen: St. Pauli Theater. Erst die heutigen Intendanten Thomas Collien und Ulrich Waller entscheiden sich 2005, den Namen Ernst Druckers wieder an die Fassade zu setzen: "St. Pauli Theater - ehemals Ernst Drucker Theater."

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Unter den Intendanten der Familie Collien verändert sich das St. Pauli Theater. Seit 1969 leitet es jemand aus der Familie: Thomas, Michael und Kurt Collien (v.l.n.r.) beim 150. Jubiläum des Hauses im Mai 1991.
Nach dem Krieg alles beim Alten

Nach kurzer kriegsbedingter Spielpause geht es im St. Pauli Theater bereits am 1. August 1945 weiter. Auf dem Programm stehen leichte Volksstücke zu erschwinglichen Preisen. Ab den Siebzigerjahren kommen einige Altstars ans Theater: Freddy Quinn verkauft 1970 schon lange nicht mehr sonderlich viele Platten, ist aber mit dem Musical "Der Junge von St. Pauli" äußerst erfolgreich. Später kommt die Ohnsorg-Legende Henry Vahl dazu und sogar seine alte Kollegin Heidi Kabel.

Das Theater erfindet sich neu

Seit den Achtzigerjahren verändert sich das St. Pauli Theater immer mehr. Volksstücke in Mundart weichen mehr und mehr modernem Entertainment: Boulevardstücken, Musicaltheater, Comedy und Kabarett. Zunehmend stehen auch ernstere Produktionen auf dem Programm, mit etablierten Größen in den Hauptrollen: Ulrich Tukur, Eva Mattes, Monica Bleibtreu. Peter Zadek inszeniert; Christoph Schlingensief macht Wahlkampf-Performance.

Gala und Umbau

Am 30. Mai. feiert das St. Pauli Theater seinen 175. Geburtstag mit einer Gala - allerdings in der Laeiszhalle. Im St. Pauli Theater wird derweil renoviert, drei Monate lang. Ab September geht es weiter. Wie soll es bei diesem Theater auch anders sein?

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 22.05.2016 | 19:30 Uhr

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