Stand: 31.05.2016 08:10 Uhr

St. Pauli Theater feiert 175-jähriges Bestehen

von Henning Cordes

Der Spielbudenplatz im Jahr 1840: Die hölzernen Buden werden abgerissen, ein neues Theater soll her, aus Stein gebaut, das sich "zur Belustigung des großen Haufens" in die Szene ortsansässiger Amüsierbetriebe fügen soll, wie die Macher es damals formulieren. Am 30. Mai 1841 ist es so weit: St. Pauli bekommt mit dem Urania sein erstes vorzeigbares Theater.

Die Geschichte des St. Pauli Theaters

Der Bau des Urania-Theaters gilt als Wagnis. St. Pauli ist damals trotz der Nachbarschaft Altonas eine landnahe Vorstadt, wie es heute vielleicht Neugraben-Fischbek ist. Hier ein florierendes Theater für 1.000 Zuschauer zu bauen, ist eine große Herausforderung für die Macher.

Torsperre hält Besucher aus Hamburg fern

Denn: Bis 1860 gibt es in Hamburg die Torsperre. Die Wallanlagen sind zwar seit 1837 begrünt, doch wer daran vorbei will, muss durch die Tore. Das Tor zu St. Pauli wird um 22 Uhr geschlossen, der Schlüssel dafür liegt nicht etwa unter der Fußmatte. Wer bis dahin nicht zurück in der Stadt ist, muss draußen bleiben. Für den Theaterbetrieb im Arbeiter- und Amüsierviertel St. Pauli ist die Torsperre ein Ärgernis. Die Besucher aus Hamburg bleiben durch die strikte Schließung aus.

Spagat zwischen Anspruch und Klamauk

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Der Weg in die "St. Pauli-Vorstadt" - das Millerntor. Das Modell aus dem Museum für Hamburgische Geschichte zeigt, wie das Tor um das Jahr 1700 ausgesehen hat.

Gründungsdirektor Schulze versichert dem "hochverehrtem Publicum", dass sein "eifrigstes Bestreben stets nur dahin gerichtet seyn" werde, "durch Aufbietung aller Kräfte, dem neuen Institute einen günstigen Erfolg und eine freundliche Theilnahme zu erringen." Es soll ein Spagat zwischen Anspruch und Klamauk werden, der leider nur ein Jahr lang funktioniert.

Theatergraf mit leeren Versprechungen

Denn nach dem großen Brand von 1842 hat das Publikum erst einmal keinen Bedarf für Schauspiel. Das Urania-Theater bleibt zwar vom Feuer verschont, steht aber trotzdem vor dem finanziellen Ruin. In größter Not bietet ein bekannter Impresario seine Hilfe an: Der als Theatergraf bekannte Carl-Friedrich von Hahn-Neuhaus behauptet über reichlich Mittel zu verfügen, pachtet das Theater und fährt groß auf: Massenstücke mit selten gesehener Kostümvielfalt und aufwendigen Kulissen; hundert Kerzen, die den originalgetreu nachgebildeten Saal des Stockholmer Schlosses beleuchten. Das ist für damalige Verhältnisse geradezu unerhört pompös - für ein Publikum, das sonst nur besseres Bauerntheater am Straßenrand kennt. Alles könnte so schön sein, wenn der Theatergraf tatsächlich ausreichend Geld hätte. Nur wenige Monate nach seinem Antritt flieht er hoch verschuldet aus der Stadt.

Theater mit eigenen Gesetzen

In den Folgejahren läuft das Theater wieder rentabel - ein Verdienst des langjährigen Direktors Theodor Damm. Er leitet das Haus von 1848 bis 1863. Der Laden brummt, doch intern geht es zu wie im Zuchthaus. Damm ist bekannt für sein strenges Regiment, besonders in Form von eigens für sein Theater erlassenen Gesetzen. Zum Beispiel: "Wer unnützen Scherz auf der Bühne treibt oder einem anderen seine Rolle vorsätzlich oder aus Unachtsamkeit verdirbt, zahlt ein Viertel seiner Monatsgage." Oder: "Alle angestellten ledigen Frauenzimmer und Witwen, welche schwanger werden, haben zu gewärtigen, dass sie an demselben Tage, wo ein solcher Zustand von ihnen zur Kenntnis der Direktion gelangt, ohne weitere Entschädigung sofort entlassen werden." Das Arbeitnehmerrecht ist damals noch ein Fremdwort.

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St. Pauli ist im 19. Jahrhundert eine Vorstadt der einfachen Leute. In den Kneipen und Theatern "St. Liederlichs" amüsieren sich aber auch Gäste aus der Stadt und Seeleute, die nahe der alten Landungsbrücken (Foto) festmachen.
Auf dem Prüüntje-Böhn im späten 19. Jahrhundert

Die Gäste des inzwischen mehrfach umbenannten Varieté Theaters sind einfache Leute, oft Arbeiter, die nach dem Job in Arbeitsklamotten in die Vorstellungen gehen. Sie stehen dichtgedrängt auf dem Prüüntje-Böhn. Prüüntjes sind Kautabakstücke, die damals sehr beliebt sind. Die Arbeiter pflegen sie fertig gekaut an die Decke des Theaters zu kleben, von wo aus sie wiederum angetrocknet herabfallen, mit Glück auf den Boden, mit weniger Glück ins Haar und mit Pech ins Bier, denn gegessen und getrunken wird im Theater auch.

Ein Publikum vom alten Schlag

Um die Jahrhundertwende bietet das Varieté Theater mal moralisierendes, mal lustiges Volkstheater auf Hamburger Platt, Burlesken und Possen für Seeleute, Hafenarbeiter und Prostituierte, Fischhändler und Straßenverkäufer. Wenn es dem Publikum gefällt, bekommen die Schauspieler statt Blumen eher ein Bier oder einen Räucheraal gereicht. Aber wehe, wenn es dem Publikum nicht gefällt. Die Zuschauer erleben Theater viel emotionaler als heute. Ihnen gerät Fiktion und Wirklichkeit immer wieder durcheinander. Bühnen-Bösewichte müssen damit rechnen, dass ihnen nach der Vorstellung auf der Straße jemand auflauert und sie verprügelt.

Der Sieg über Goethe

Einen kleinen Skandal gibt es bei der Premiere einer zusammengestrichenen Form von Goethes "Faust", die sich auf die Gretchentragödie beschränkt. Das Publikum will es nicht hinnehmen, dass Grete am Ende im Kerker versauert. "Dat is Mumpitz. Heiroten sall he se." Es skandiert im Chor: "Heiroten! Heiroten!" Der Regisseur stellt sich dem Mob auf der Bühne, verweist auf Goethe, kann die Menge aber nicht beruhigen. Es ist erst wieder Ruhe, als die Schauspieler zurückkommen und ein Ende improvisieren, in dem Faust Margarete heiratet.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 22.05.2016 | 19:30 Uhr

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