Stand: 12.03.2013 05:00 Uhr  | Archiv

Vor 60 Jahren: Abschuss bei Boizenburg

von Henning Strüber, NDR.de
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60 Jahre nach dem Zwischenfall kehrt Augenzeuge Alfred Tschaepe noch einmal an die Absturzstelle zurück.

"Hier schlug die Kanzel ein, die Büsche und Bäume brannten." Alfred Tschaepe zeigt auf eine baumlose Lücke in dem mit Gestrüpp überwucherten Knick am Feldrand. An die dramatischen Szenen, die sich hier - auf einem Acker zwischen Boizenburg und Lauenburg nahe der Ortschaft Vier - vor 60 Jahren abspielten, erinnert heute sonst nichts mehr. Obwohl der Vorfall in unmittelbarer Nähe der früheren Sektorengrenze seinerzeit eine schwere diplomatische Krise auslöste. "Unser arbeitssames, romantisches Städtchen für Stunden am Puls der Welt!", schrieb die "Lauenburgische Landeszeitung" ganz aufgeregt am nächsten Tag. Doch was war geschehen?

Trümmer regnen vom Himmel

Genau geklärt ist es bis heute nicht. Fest steht: Über Boizenburg nehmen zwei sowjetische MiG-15-Jagdflugzeuge ein Flugzeug der Royal Air Force (RAF) vom Typ Avro Lincoln unter Feuer. Die viermotorige Propellermaschine wird getroffen und gerät ins Trudeln. Vom lauten Donnern aufgeschreckt werden einige einheimische Bauern Zeugen des Vorfalls. Tschaepe ist einer von ihnen. Der damals 22-Jährige bespannt gerade die Pferde auf einem nahe gelegenen Gehöft.

Ein in Vergessenheit geratener Zwischenfall

"So schnell konnte ich mich gar nicht umdrehen und gucken, wie der unten war. Ich habe nur noch den Rauchschleier gesehen", erinnert sich der heute 82-Jährige. Fallschirme schweben zu Boden, der Rumpf der Maschine zerbricht. Trümmer regnen verstreut herab. Das Leitwerk stürzt in die Elbe, eine brennende Tragfläche schlägt 100 Meter neben einem Grenzposten auf. Papiere und Fallschirmteile werden später sogar bei Bleckede gefunden. So steht es in den Berichten der Lokalpresse.

Tod auf dem Acker

Die Kanzel und der Hauptteil des Rumpfes schlagen auf dem Acker bei Vier auf. "Überall lagen Stücken 'rum", erinnert sich Tschaepe. Alle sieben Besatzungsmitglieder kommen beim Absturz ums Leben. Einige sterben - entsetzlich entstellt - im Wrack. "Ein toter Pilot wurde am Waldrand gefunden", sagt Tschaepe. Drei weitere Crewmitglieder können sich zunächst mit Fallschirmen aus der brennenden Maschine retten, sterben aber später in Krankenhäusern. Die Absturzstelle wird von herbeigeeilten sowjetischen Einheiten abgesperrt. "Alles wurde sofort weggeräumt", weiß Tschaepe noch, "am nächsten Tag war alles weg."

Churchill tobt im Unterhaus

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Der britische Premier Winston Churchill sprach von einem mutwilligen Angriff der Sowjets.

Der Einschlag auf dem Acker bei Boizenburg löst ein politisches Beben aus, dessen Druckwellen bis nach Moskau und London reichen. Der britische Premier Winston Churchill tobt im Unterhaus vor Wut über den mutwilligen Angriff ("want-on attack") des einstigen Verbündeten im Kampf gegen Nazi-Deutschland. Eine Protestnote wird übermittelt. Der Kreml schiebt den schwarzen Peter zurück. Die britische Maschine sei zuvor weit in den Luftraum der DDR eingedrungen und habe das Feuer eröffnet. Das im aufziehenden Kalten Krieg eh schon angespannte politische Klima zwischen Ost und West wird noch eisiger.

Übungs-oder Spionageflug?

Die Briten behaupten, die Maschine habe sich auf einem Übungsflug im Luftkorridor zwischen Hamburg und Berlin befunden. Von 1945 bis 1990 gab es drei solcher jeweils rund 30 Kilometer breiter Streifen, die den Westalliierten Flüge nach West-Berlin ermöglichten. Laut der sowjetischen Version war die bewaffnete Maschine weit ins Inland der sowjetisch besetzten Zone geflogen, um Spionage zu betreiben.

Das am besten fotografierte Gebiet der Welt

"Spionageflüge waren - insbesondere in den 1950er-Jahren - ein ganz wesentliches Mittel zur Informationsbeschaffung über die militärische Stärke des Gegners. Bis 1990 dürfte die Zahl von 25.000 Spionageflügen über der DDR sicher nicht zu hoch gegriffen sein", sagt Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut Moskau.

"Die DDR war in jener Zeit das wohl am besten fotografierte Gebiet der Welt", so der Historiker weiter. "Die einen waren auf der Suche nach Informationen, die anderen wollten diese natürlich nicht preisgeben." Dementsprechend scharf patrouillierten die Sowjets entlang der Transitstrecken, die auch für Spionageflüge genutzt wurden.

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